II. Die Eisenschmelze

Die Geschichte vom fahrenden Volk ist vielleicht auch eine im Laufe der Zeit zur Legende gewordene Erinnerung an die fremden Arbeiter, die die Bettinger Schmelz anzog. Sie kamen aus Südbelgien oder den luxemburgischen Industriezentren, um hier zu arbeiten, denn man benötigte Facharbeiter. Was mich immer stolz machte, war die Tatsache, dass die Bettinger Schmelz die Vorgängerhütte der großen Dillinger Hütte war. Und selbst die war schon lange vor der eigentlichen Industrialisierung im 18. Jahrhundert gegründet worden. Eigentlich begann die Industrialisierung des Saarraumes in Schmelz. Der Gründer der Bettinger Schmelz war übrigens der französische Unternehmer Lenoncourt, der auch die Dillinger Hütte gegründet hatte. Um 1720 legte er zwischen Prims und der alten Straße nach Trier, der heutigen Bundesstraße, eine Eisenschmelze an. Eisenerz- und Kalkfunde und der Waldreichtum boten günstige Voraussetzungen für dieses Unternehmen, das später Eisen zur Weiterverarbeitung an die Dillinger Hütte lieferte, aber auch selbst Pfannen, Töpfe und Werkzeuge produzierte. Bis 1860 rentierte sich der Betrieb. Das Versiegen der Erzvorkommen und die ungünstige Infrastruktur ermöglichten keine weitere Nutzung. Die Hütte wurde geschlossen, die Hochöfen abgetragen, andere Bauteile wurden neuen Nutzungen zugeführt. Die Dillinger Hütte war wegen der günstigeren Infrastruktur durch die Saar und die Bahnlinie Saarbrücken-Trier viel lukrativer geworden. Die Verhüttung mit Koks, der aus der lothringischen Minette gewonnen wurde, löste die Verhüttung mit Holzkohle ab. Nicht nur die Hüttenleute, sondern auch die Zulieferbetriebe, die Holzarbeiter, die Köhler, die Fuhrleute, die Erzgräber mussten sich nach neuen Jobs umschauen. Die Eisenverhüttung verlagerte sich in das rasch sich entwickelnde Saarrevier zwischen Neunkirchen, Saarbrücken und Völklingen. Die Röchlings und Stumms hatten das Sagen und der preußische Bergfiskus.

Die Bettinger Schmelz war nie sonderlich groß, aber sie hatte doch einigen Familien Brot gegeben. Arbeitsbereiche gab es einige: nicht nur in der Hütte selbst, sondern auch in der Erzgräberei, der Holzkohlegewinnung und auch im Transportbereich. Einige Bauern verdienten sich etwas dazu. An der Flanke des Großen Horstes, aber auch in anderen Gebieten der Region waren Erze im Rotliegenden entdeckt worden, die im Tagebau, also ohne große bergmännische Kenntnisse, abgebaut werden konnten. Der Abbau der Erze erfolgte in einem ungeregelten Tagebau. Betrug die Anzahl der Beschäftigten je nach Auftragslage zwischen 10 und 30 Hüttenarbeitern im engeren Sinn, so musste man die 6-8fache Anzahl an Köhlern, Erzgräbern und Fuhrleuten dazu rechnen. Die Erzgräber waren nicht Beschäftigte der Hütte, sondern arbeiteten selbstständig in kleinen Gruppen, die Lieferverträge mit dem jeweiligen Hüttenbetreiber abschlossen. Bisweilen verdienten sich auch die Bauern, auf deren Gemarkung Erzlager entdeckt worden waren, etwas hinzu – außerhalb der bäuerlichen Saison. Die Erzgräber waren in einer Erzgräberbruderschaft „gewerkschaftlich“ organisiert. Einheimische Bauern stellten oft die Fuhrleute. Mit ihren Fuhrwerken und Zugtieren konnten sie den Transport von Erzen, Holz und Holzkohle übernehmen, wenn nicht gerade die Ernte oder Heu einzufahren waren. Die Erzfunde am Großen Hort waren nicht sonderlich umfangreich, weshalb sich der Erzbergbau, abgesehen von einigen verstreuten Grabungsstätten der näheren Umgebung, in die Rümmelbacher oder Gresaubacher Schotten verlagerte. Nicht selten gab es auch rechtliche Streitigkeiten zwischen den Gemeinden und den Erzgräbern, vor allem dann, wenn die Erzkaulen nicht wieder verfüllt worden waren.

Lebacher_Eier_2Gegraben wurde nach den sog. „Lebacher Eiern“, Toneisensteinerze, die in kleineren Exemplaren eiförmig auftreten. Lebacher Eier kommen im Rotliegenden vor, das vor 280-240 Millionen Jahren entstanden ist. Der Entstehungsort ist ein See, der sich von Rümmelbach bei Lebach bis in die Gegend von Bad Kreuznach erstreckte, also ungefähr die dreifache Größe des Bodensees maß. Entwickelt haben sich die Lebacher Eier im Grunde aus organischen Materialien. Tiere, organisches Material von Tieren oder auch Pflanzen bilden unter Luftabschluss Schwefelwasserstoff, an dem sich Eisensalze schalenförmig anlagern. Leider haben die Erzgräber über Jahrhunderte - es gibt Anzeichen dafür, dass in der Gegend schon im 16. Jahrhundert Erze gegraben wurden - gründliche Arbeit geleistet. Lebacher Eier findet man heute nur noch selten.

Die Holzfäller und Köhler, die in den frühen Jahren in den Wäldern hausten, gehören mehr noch als die Hüttenleute zum frühen Proletariat. Es waren meist auswärtige Kräfte, „soziale Isolate“, wie man sie heute nennt, die außerhalb des Dorfes in eigenen improvisierten Siedlungen mehr hausten als lebten. Bisweilen waren Gerüchte über sie im Umlauf, etwa, dass sie gemeinsam in den Betten schliefen. Die lokalen Historiker haben zwar ihre bescheidenen Verhältnisse bestätigt, nicht aber Auffälligkeiten infolge Amoralität. Eine gewisse Distanz zur angestammten Bevölkerung hat sicherlich bestanden. Die Waldarbeiter und Köhler ließen ihre Kinder taufen wie die Einheimischen auch. Das war das wichtigste. Und der Pfarrer vermerkte im Taufregister den Wohnort: „ex silva Horst“ oder „ex silva vulgo Horscht“.

In der Tat zog die Hütte immer wieder Fremde an. In der Gründerphase stammten fast alle Hüttenleute aus dem belgisch-luxemburgischen Raum. Sie kamen aus dem Raum um Longwy oder Arlon. Man brauchte Fachkräfte. Wo sollten sie sonst herkommen als aus den schon entwickelten Industriegebieten? Auch aus Lothringen wanderten Menschen zu. Manche Familiennamen verraten noch heute die französische Herkunft. Erst später, in einer zweiten Phase lebten die Einheimischen stärker von der Hütte, auch wenn die Schlüsselpositionen weiterhin in den Händen erfahrener auswärtiger Arbeiter blieben. Erst ab 1800 wurde die Hütte stärker zu einer Angelegenheit der einheimischen Bevölkerung. Damals lebten etwa 200-250 Familien aus der näheren Umgebung von der Hütte. Sie war zu einem Motor der Dorfentwicklung geworden. (nächste Seite)
 
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