Michelbach_Steinbruch_Osten
 
Der große Steinbruch

Ein Höhepunkt der Wanderung sollte uns noch bevorstehen: Der Weg führt vom Hoxfels über einen Höhenweg durch den Großen Horst. Dort befindet sich ein riesiger Steinbruch. Seit Kindertagen beobachtete ich aus der Ferne, wie sich der Mensch mit Sprengstoff und Bagger in den roten Fels des Berges hineinfrisst. Wie eine rote offene Wunde liegt er da, fällt in Terrassen ins Primstal ab. Aus der Nähe habe ich ihn noch nicht gesehen, kannte ihn nur aus der Ferne, vom Vorbeifahren Richtung Trier, von den Spaziergängen über die Felder oberhalb des Dorfes, von den Erzählungen des Vaters, der in seiner Jugend am Großen Horst war. Diese Erzählungen waren wie Berichte von großen Reisen, Erzählungen von anderen Welten. Irgendwie war es gefährlich hier, man konnte abstürzen in den Schlund des Steinbruchs. Verschwinden. Verloren gehen.

Jetzt aber galt es auf dem Höhekamm nur noch ein geeignetes Schlupfloch zu finden, um durch die Absperrung verbotenerweise auf das Gelände des Steinbruchs zu gelangen. Wir standen am höchsten Punkt und waren beeindruckt von dem grandiosen Blick auf den terrassierten Steinbruch und über das Primstal hinüber zu den umliegenden Dörfern. Die Spätherbstsonne durchbrach manchmal die Schleierwolken und brachte die Farbnuancen im roten Gestein zum Vorschein: Ockertöne, mineralisches Grün, schwefeliges Gelb, kristallines Weiß, dunkelrotes Geäder. Zeilen einer Beschreibung der Unterwelt aus „Orpheus. Eurydike. Hermes“ von Rilke kamen mir in den Sinn:

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel,
Sonst war nichts Rotes.
Felsen waren da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hin
wie Regenhimmel über seiner Landschaft …

Es war still. Die Arbeiten im Steinbruch schienen für heute abgeschlossen. Die letzten vollgeladenen Lastwagen verschwanden hinter den Felsvorsprüngen, die man stehengelassen hatte. Sie ähnelten Kinderspielzeug. Nur selten drang ein Geräusch aus dem Tal zu uns herauf. Es war wirklich eine etwas andere Welt. Wir nahmen uns viel Zeit zum Staunen und Schauen, studierten die Gesteinsformationen und das Farbenspiel im offenen Gestein. Die melancholische Stimmung, die von diesem Steinbruch, die vielleicht von allen Steinbrüchen ausgeht, dachte ich, ist eine Folge der völligen Abwesenheit von Natur. Ähnlich ist es im Hochgebirge. Es ist eine feindliche Welt, die keinen Schutz mehr bietet. Dabei steht man auf Gestein, aus dem uns Millionen von Jahren anschauen und herausfordern.

Am Rengeskopf: Blick ins Tal auf die Reste der alten Schmelz

Den Rengeskopf kannte ich schon aus der Kindheit, d. h., aus den Erzählungen meiner Mutter, die mich im Kinderwagen hier heraufschob, weil angeblich die Luft hier oben besser sein soll. Der „Renges“, das waren erste Nachmittagskuraufenthalte, solange mich der Keuchhusten schüttelte und mir die Luft nahm. Ein Heilort der Kindheit also. Und so ist es auch heute noch, wenn auch die kleine Marienkapelle nicht wirklich schön ist. Nur wenige Schritte führen von Großen Horst zum Rengeskopf. Beide sind geologisch verwandt, sind vulkanischen Ursprungs. Von hier bietet sich uns endlich ein schöner Blick auf das Gelände der alten Schmelz.

Erzweg_Landhaus
 
Goethe könnte aus der Tür treten: Das ehem. Herrenhaus, Wohnhaus des Hüttendirektors,
enstand 1820. Es ist ein sehr schönes Beispiel klassiszistischer Architektur im Saarland.
 
Vor der Stilllegung 1868 hätte sich uns folgendes Bild unten in der Primsaue geboten: Verwalter- und Arbeiterhäuser, Stallungen für die Zugpferde, Hochofen, Erz- Röstofen, das Erz- und Schlackenpochwerk und das Wiegenhaus. Erkennbar wäre auch ein von der Prims abführender Kanal gewesen, dessen Wasserkraft im Pochwerk benutzt wird, um das Erz zu zerkleinern und um die Blasebälge zur Frischlufterzeugung im Hochofen anzutreiben. Und wenn wir 1801 hinuntergeschaut hätten, wäre unten viel Treiben gewesen, Pochen und Hämmern wären zu hören gewesen, wir hätten Rauchschwaden aus dem 8 Meter hohen Hochofen aufsteigen sehen, vielleicht auch das rotglühende Eisen, das aus dem Hochofen züngelt, wie damals in den Kindertagen auf dem Wappen. Fuhrwerke hätten vom Mühlenkippchen Kalk, aus den Lagerstätten bei Bettingen Erze herbeigeschafft, andere Fuhrwerke hätten Eisen Richtung Dillingen transportiert. Immerhin werden in diesem Jahr 400 Roheisen erzeugt. Weiterverarbeitet zu Stahl werden u. a. daraus 36.000 Sensen, 15. 000 Sicheln, 9.000 Kilo Schaufeln, 9000 Kilo Bratpfannen und 500 Winden hergestellt. Heute ist es still dort unten, wie vorhin im Steinbruch: Wir sehen im Tal einige Wohnhäuser und verstreute Holzschuppen, Reste des Sägewerkes, das nach der Versteigerung 1869 auf dem Gelände entstand. Wir beschließen nach der Rückkehr noch vorbeizuschauen und machen eine interessante Entdeckung: Das alte Herrenhaus von 1820 ist noch vollständig erhalten. Ein schönes klassizistisches Gebäude. Einen Augenblick lang hatte ich folgendes Bild vor mir: Goethe erscheint plötzlich in der Tür, schreitet die Treppe herab und setzt sich auf die Bank, über die die mächtige Krone der uralten Platane Schatten wirft. Goethe in Schmelz! Was für ein Unsinn. Gleichviel, er hätte sich sicherlich für die Hütte interessiert. Sie lag etwas zu abseits, als er sich in der Saarbrücker Residenz aufhielt und die Hütte in Neunkirchen und den Brennenden Berg bei Dudweiler besuchte. Er interessierte sich für das „heraufdämmernde Maschinenzeitalter“ und sah auch schon die Gefahren, wenn er von der „Velofizierung“ des Zeitalters sprach.

Goethe trat natürlich nicht vor die Tür und die schöne alte Platane ist mittlerweile gefällt. Dass überhaupt eine solche Phantasie in Schmelz möglich sein könnte, hätte ich vor der Wanderung nicht geglaubt. Ich muss dieses Haus schon als Kind gekannt haben, denn ein-, zweimal war ich mit meinem Vater hier gewesen, um Holz zu besorgen. Damals hatte ich noch keinen Sinn für alte Häuser. Auch einige umstehende Wohnhäuser stammen sicherlich noch aus der Zeit der alten Schmelz. In ihnen wohnten Verwalter und Facharbeiter. Auch die alte Waage der Hütte ist noch vorhanden. In den Holzschuppen, die wir von oben gesehen hatten, befinden sich noch die jetzt leeren Hochregale für die Lagerung des Holzes. Luftöffnungen sorgten für die Zufuhr von Frischluft, damit das Holz –Latten und Bretter verschiedener Dicke – gut durchtrocknen konnten.

 Mehr als wir erhofften, hatten wir entdeckt. Eigentlich fühlten wir uns beschenkt von diesem sonnigen Spätherbsttag. Es begann schon zu dämmern. Wir beeilten uns, um nach Hause zu kommen.

Wiegehaeuschen_b



















Eines der wenigen Zeugnise der Bettinger Schmelz ist das ehemalige Waagehaus.

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Informationen
Der Erzgräber Weg ist einer der Saar-Lor-Lux-Kulturwanderwege und führt zu Zeugnissen der vorindustriellen Erzverhüttung in der Umgebung von Schmelz. Start- und Zielpunkt ist der Wanderparkplatz „Dreihausen“, Ecke Ambet-/Goldbacher Straße. Einkehrmöglichkeiten gibt es nur in Schmelz. Für die Wanderung benötigt man ca. 4 Stunden. Markierung: Pickel und Schaufel auf weißem Grund.

Die Gemeinde Schmelz hat zum Erzgräber Weg einen kleinen Flyer herausgegeben:
Erzgräber Weg. Ein Rundwanderweg der Gemeinde Schmelz

Gemeinde Schmelz
Rathausplatz 1
66839 Schmelz
Tel.: 06897-301-138
Fax: 06897-78 34
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Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2009

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