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Spurensuche_Intro2

 

SPURENSUCHE
von Armin Schmitt


I. Kindheitserinnerungen

Schmelz ist der einzige Ort der Gegend, der mit seinem Namen auf die Eisenverhüttung hinweist. Auch das Wappen erinnert an die vorindustrielle und industrielle Vergangenheit. Im Heimatkundeunterricht der Volksschule machten wir auf dem Umweg über die Heraldik erste Erkundungen der Industriekultur, pausten das Wappen durch, indem wir leicht transparentes Butterbrotpapier auf eine Vorlage mit dem Wappen legten und dann die Konturen fein säuberlich mit einem Bleistift nachzeichneten, anschließend das Transparentpapier auf ein weißes Blatt legten und mit dem Bleistift, unter einem gewissen Druck, wiederum den Konturen nachfuhren, sodass sich die Linien auf dem weißen Blatt abbildeten. Anschließend mussten dann die entsprechenden Linien und Formen nachgezeichnet und ausgemalt werden: silberfarben der Hintergrund, rotgeschuppt das Kreuz im Wappenschild, ein Zitat des Familienwappens de Lenoncourt, braun der aus Steinen gemauerte Hochofen, rot das aus der oberen Öffnung herauszüngelnde Feuer und rot auch der Abstich des geschmolzenen Eisens, das sich über ein grünes Fundament ergoss. Grün wohl deshalb, weil eine Wiese oder etwas Ähnliches angedeutet werden sollte. Mein Eifer im Abmalen wurde gelobt. Ich war stolz auf meine gelungene Kopie. Wir erfuhren auch, dass der Name „Schmelz“ auf die Eisenverhüttung anspiele, die vor langer Zeit hier stattgefunden habe und von der keine Spuren mehr vorhanden seien, wenn man einmal absehen von den Köhlergruben im Wald und den Mauerresten auf dem Gelände eines Holzhändlers, der später, so lernten wir, das Gelände ersteigert habe, aber das sei nicht zugänglich und auch sicher völlig uninteressant. Einige Tage später machten wir zur praktischen Untermauerung der reinen Theorie eine kleine Orterkundung im Wald, suchten nach den Köhlergruben, fanden auch tatsächlich die kuhlenartigen Vertiefungen im Waldboden, mit denen wir allerdings nicht viel anzufangen wussten. Die Industrie war längst anderswo. Die Großväter fuhren hin, der eine, Peter, zur Grube Maybach, der andere, Alois, zur Dillinger Hütte. Der eine war Bergmann unter Tage, der andere Walzer. Sie waren oft lange unterwegs zur Arbeit, erfuhr ich. Gottlob gab es schon den Eisenbahnanschluss, sonst wären sie wohl gar nicht unter der Woche nach Hause gekommen, hätten im Schlafhaus übernachten müssen. Durch den Eisenbahnanschluss hatten es meine Großväter hatten es da schon besser, denn sie konnten im Zug sogar schlafen, wenn sie in aller Frühe zu Frühschicht fuhren oder wenn sie morgens nach der Nachtschicht oder abends spät nach der Mittagsschicht erschöpft nach Hause kamen, in ihren Hin-und-Herkleidern, einer abgetragenen Hose mit angedeuteten Falten und einer alte Jacke, unterm Arm eine Art Aktentasche, in der sich die leere Thermoskanne mit Kaffee befand, manchmal auch ein Flachmann, ganz selten ein „Hasenbrot“, das sie mir mitbrachten. Hasenbrote waren damals die besten Brote der Welt. Hasenbrote hießen sie, so reimte ich mir zusammen, weil sie wohl ein Hase vorbeibrachte. In Wirklichkeit waren es die Brote, die zu essen die Großväter keine Zeit hatten. Oder sie hatten keinen Appetit, was bei der vielen Arbeit auch vorkommen konnte. Hasenbrote waren überreif, hatten den ganzen Tag in dem feuchtwarmen Klima der Tasche genug Zeit, ihr Aroma zu entfalten. Sie waren einfach köstlich.
Meine Großväter haben mir gut gefallen. Mein Opa Peter, der Bergmann, war immer sehr schlank. Er Mein-Grossvater-der-Bergmanmuss wohl sehr viel arbeiten, dachte ich. Auch muss er sich oft bücken, um Kohle aufzuheben, wobei Fett nur im Wege ist. Ein Bild hat sich mir fest eingeprägt: Ein großer Mann mit ausgemergeltem Körper steht vor der Haustür seines kleinen Hauses und füllt, so habe ich es in Erinnerung, den ganzen Türrahmen aus. Er trägt eine dunkle ausgebeulte Hose und seine abgetragenen Hin- und Her-Jacke und einen alten Hut mit Krempe. Eigentlich sieht er recht elegant aus. Er raucht eine Zigarette. Selbstgedrehte. Batavia oder Landewyck Silber heißt das Kraut - ich habe ihm den Drehtabak, wenn ich bei den Großeltern in den Ferien war, manchmal gekauft. Er raucht sie immer bis zum Ende.
Nichts darf übrig bleiben vom kostbaren Tabak. „Herzhaft-würzig“ steht auf der Packung. Die Finger, die die Zigarette halten, sind gelb vom Nikotin. Das hat mich immer fasziniert. Heute weiß ich, wie gefährlich das Rauchen für ihn war. Seine Lunge war schon zerfressen von der Silikose. Er starb ein Jahr nach der Pensionierung an Lungenkrebs. Dabei hätte er schon viel früher sterben können, damals bei einem Grubenunglück auf der Maybach. Davon erzählte mir oft die Großmutter. Im Nordmenderadio, das über einer Kommode in der Wohnküche auf einem Regal stand, seien die Meldungen von der Schlagwetterexplosion aus der Grube Maybach verbreitet worden. Verzweifelt sei sie gewesen, hätte sie doch gewusst, dass zu diesem Zeitpunkt, auch „ihr Peter“ noch in der Grube sein musste. Mit dem Schlimmsten hätte sie rechnen müssen. Was wäre ihr in einer Zeit ohne Telefon und ohne Auto denn anderes möglich, als zu warten, immer nur zu warten. Das könne wahnsinnig machen. Die Minuten seien zu Stunden, Stunden zu Tagen geworden. Sie wäre immer wieder auf die Haustür – sie sagte immer „auf die Haustür“ - und hätte dort gewartet, weil sie es im Haus nicht mehr ausgehalten hätte. Bis zur Kreuzung sei sie gegangen, weil sie von dort einen besseren, weil weiteren Blick das Dorf hinunter gehabt hätte. Aber kein Peter sei gekommen, kein Peter. Auch andere Männer seien nicht gekommen. Andere Frauen hätten natürlich auch auf ihre Männer gewartet. Was sei denn anders übrig geblieben, als sich schließlich ins Gebet zu flüchten? Sie wisse gar nicht mehr, wie viele Rosenkränze sie gebeten habe … Immer wieder die Nachrichten im Radio: Inzwischen sei auch schon von Toten, von verzweifelten Rettungsaktionen die Rede gewesen. Sie wisse gar nicht mehr zu sagen, wie viel Zeit vergangen sei, jedenfalls hätte es schon gedämmert, als plötzlich, so erzählte sie uns immer wieder, die Tür aufgegangen sei – man muss nämlich wissen, dass die Haustür in diesen Zeiten nur in der Nacht verschlossen wurde - und Peter, ihr Peter, in der Tür gestanden habe. „Un“, so fügte sie schließlich dazu, wobei sie noch Jahrzehnte später erschrockene Augen machte, „eich hann gegleiwt, ett wär an Geischt.“ Mein Großvater hatte, so erfuhr sie, gerade die Grube verlassen, als das Unglück geschah. Der Hut meines Großvater lag übrigens die vielen Jahre ihres Witwendasein immer auf der Hutablage im Flur, um Fremden, Hausierern, die es damals noch häufig gab, und anderen ungebetenen Gästen zu zeigen, dass ein Mann im Haus sei, der jederzeit, sollten sie sich nicht abwimmeln lassen, zu Hilfe gerufen werden könnte.

 

Arbeiter-Dillinger-HuetteAlois, der andere Großvater war wesentlich kräftiger als Opa Peter, ja, man könnte sogar behaupten, er war beleibt. Ich hielt ihn als Kind für sehr stark. Für mich war es selbstverständlich, dass er so dick sein musste, denn er war Walzer „in der Hütt“ und hatte dickes Eisen zu walzen. Dafür brauchte er eine Menge Muskeln, war doch klar. Auch er rauchte, hatte eine schwarze Lunge und ein wohl von der Arbeit krankes Herz. Auch er starb früh, mit 65. Alle Männer waren fertig mit 65, reif für den Tod, abgearbeitet, krank und müde, jedenfalls die Männer meiner Familie. Auch mein Vater. Und ich?

 
Dabei hatte es mein Vater schon ein wenig besser. Hat ihm wohl nichts genützt. Nach dem Krieg machte er eine Lehre bei der Saarbergtechnik. „Saarbergtechnik“, das klang schon nach was. Nach mehr. Er wurde Dreher. Auch so ein Wort, unter dem ich mir so recht nichts vorstellen konnte. Ich sollte es dann entschieden besser haben, kein Arbeiter mehr sein, studieren, Geld verdienen, keinen Blaumann mehr anziehen müssen, sondern ein weißes Hemd mit sauberem Kragen und einen Anzug. Mein Vater fuhr schon mit dem Bus. Das brachte einen hohen Zeitgewinn und wenn der Busfahrer gut gelaunt war, ließ er ihn sogar vor der Haustür aussteigen. Wenn er Frühschicht hatte, warteten wir mit dem Mittagessen, bis er zurückkam, so gegen halb vier. Es war schön, gemeinsam mit Papa zu essen. Meist war er sehr müde. Er musste nach dem Essen schlafen, denn er war ja schon um vier aufgestanden, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Danach arbeitete er weiter. Es gab immer etwas zu tun, am Haus oder anderswo. Er hatte eine riesige Werkstatt.

Trotz allem blieb die Welt der Arbeit im Verborgenen. Man redete nicht gerne über sie. Warum weiß ich nicht. Vielleicht, weil sie so schwer war und so sehr bedrückte, die Männer im Laufe der Zeit krank machte. In Schmelz fingen die Wälder an, begann der Hochwald, hinter dem Dorf dehnte sich weites Hügelland aus, das im Frühjahr und Sommer voller Lerchen war. Ein Stück Heimat. Da rauchten keine Schlote, da ratterten keine Maschinen, da rieselte es weder Staub noch Ruß. Zum Einkaufen fuhren wir ins bischöfliche Trier. Dort gab es auch Kultur: den Dom, die Konstantinbasilika, die Themen, die alte Porta Nigra. Mit der Großmutter ging es sogar bis in den weit entfernten Zoo nach Frankfurt. Saarbrücken, das war der „Holzkopp“, wo man sein Geld versoff, das war die „Kappengass“, wo man Damen traf. Als Kinder konnten wir uns darunter nichts Rechtes vorstellen, aber, dass die Kappengass irgendetwas mit Sünde, mit „Unschamhaftigem“ zu tun hatte, war uns schon klar. Saarbrücken war Sündebabel, Trier die Stadt des Heiligen Rocks. Trier war der Heilsweg. Dort unten, in der Nähe des Sündenbabels, dort waren auch die Gruben und Hütten. Irgendwo hinter den Bergen musste dieses düstere Land liegen, in das der Vater, davor die Großväter täglich ausrückten und aus dem sie immer gebückter zurückkehrten. Es musste ein verbotenes Land sein, über das man auch nicht viel sprechen durfte, möglicherweise, weil es einen sonst für immer behält. Warum also in dieses Land fahren, das die Kraft nimmt und vielleicht sogar das Leben?

Erst viele Jahre später lernte ich dieses Land kennen, als sich schon viele Förderräder nicht mehr drehten, als viele Schlote nicht mehr rauchten, als Völklingen schon nicht mehr die schmutzigste aller schmutzigen Städte in Deutschland war, als man anfing über die Bedeutung der stillgelegten Gruben und Hütten zu diskutieren, als man erkannte, dass sie, die Gruben und Hütten, Zeugnisse einer untergehenden Zeit sind. Erst jetzt eroberte ich mir die Welt des Vaters und der Großväter. Es begann eine Entdeckungsreise, die so etwas war wie nachgetragene Liebe, die Entdeckung des Lebens, über das die Großväter und der Vater nicht so gerne sprachen. Sie wurde zu einer späten Verbeugung vor ihnen.

Schmelz hieß lange nicht Schmelz. Schmelz wurde erst Schmelz durch die Gebietsreform der National- sozialisten 1938. Davor gab es Bettingen und Außen, zwei Dörfer, getrennt durch die Prims und durch feindlichen Händel, wenn man den Geschichten der Eltern glaubt. Bettingen war älter und insofern auch wichtiger, dort befand sich das Rathaus und nach Bettingen war auch die Eisenhütte genannt, obwohl sie jenseits der Prims lag, also eigentlich in Außen. Ein Hofgut der Tholeyer Mönche stand am Beginn der Dorfentwicklung. Bettingen wurde ein ansehnliches Dorf, interessant für viele. Eines Tages seien fahrende Leute, Zigeuner, ins Dorf gekommen. Nach langem Herumziehens seien sie des Wanderns müde gewesen und hätten um die Erlaubnis gebeten, hier sesshaft werden zu dürfen. Die Bettinger Bauern berieten. Man sah die Fremden nicht gerne im Dorf, wollte sie aber auch nicht wegschicken. So erlaubte man ihnen, sich außerhalb der alten Dorfgemarkung anzusiedeln, am Himmelsberg. Das Gelände war steil, das Land gab nicht viel her. Die Leute, die sich am Himmelsberg ansiedelten, waren fortan die „Außener“, die, die außerhalb der alten Gemarkung siedelten. So entstand Außen. Und es war immer Teil meines eigenen Herkunftsmythos, nicht in Bettingen geboren zu sein, sondern in einem kleinen, vermutlich frühen Prämienhaus, und vom „Zigeunerpack“ abzustammen. „Zigeunerpack“ war für mich nie ein Schimpfwort, sondern eine Auszeichnung. (nächste Seite)
 

 
 
II. Die Eisenschmelze

Die Geschichte vom fahrenden Volk ist vielleicht auch eine im Laufe der Zeit zur Legende gewordene Erinnerung an die fremden Arbeiter, die die Bettinger Schmelz anzog. Sie kamen aus Südbelgien oder den luxemburgischen Industriezentren, um hier zu arbeiten, denn man benötigte Facharbeiter. Was mich immer stolz machte, war die Tatsache, dass die Bettinger Schmelz die Vorgängerhütte der großen Dillinger Hütte war. Und selbst die war schon lange vor der eigentlichen Industrialisierung im 18. Jahrhundert gegründet worden. Eigentlich begann die Industrialisierung des Saarraumes in Schmelz. Der Gründer der Bettinger Schmelz war übrigens der französische Unternehmer Lenoncourt, der auch die Dillinger Hütte gegründet hatte. Um 1720 legte er zwischen Prims und der alten Straße nach Trier, der heutigen Bundesstraße, eine Eisenschmelze an. Eisenerz- und Kalkfunde und der Waldreichtum boten günstige Voraussetzungen für dieses Unternehmen, das später Eisen zur Weiterverarbeitung an die Dillinger Hütte lieferte, aber auch selbst Pfannen, Töpfe und Werkzeuge produzierte. Bis 1860 rentierte sich der Betrieb. Das Versiegen der Erzvorkommen und die ungünstige Infrastruktur ermöglichten keine weitere Nutzung. Die Hütte wurde geschlossen, die Hochöfen abgetragen, andere Bauteile wurden neuen Nutzungen zugeführt. Die Dillinger Hütte war wegen der günstigeren Infrastruktur durch die Saar und die Bahnlinie Saarbrücken-Trier viel lukrativer geworden. Die Verhüttung mit Koks, der aus der lothringischen Minette gewonnen wurde, löste die Verhüttung mit Holzkohle ab. Nicht nur die Hüttenleute, sondern auch die Zulieferbetriebe, die Holzarbeiter, die Köhler, die Fuhrleute, die Erzgräber mussten sich nach neuen Jobs umschauen. Die Eisenverhüttung verlagerte sich in das rasch sich entwickelnde Saarrevier zwischen Neunkirchen, Saarbrücken und Völklingen. Die Röchlings und Stumms hatten das Sagen und der preußische Bergfiskus.

Die Bettinger Schmelz war nie sonderlich groß, aber sie hatte doch einigen Familien Brot gegeben. Arbeitsbereiche gab es einige: nicht nur in der Hütte selbst, sondern auch in der Erzgräberei, der Holzkohlegewinnung und auch im Transportbereich. Einige Bauern verdienten sich etwas dazu. An der Flanke des Großen Horstes, aber auch in anderen Gebieten der Region waren Erze im Rotliegenden entdeckt worden, die im Tagebau, also ohne große bergmännische Kenntnisse, abgebaut werden konnten. Der Abbau der Erze erfolgte in einem ungeregelten Tagebau. Betrug die Anzahl der Beschäftigten je nach Auftragslage zwischen 10 und 30 Hüttenarbeitern im engeren Sinn, so musste man die 6-8fache Anzahl an Köhlern, Erzgräbern und Fuhrleuten dazu rechnen. Die Erzgräber waren nicht Beschäftigte der Hütte, sondern arbeiteten selbstständig in kleinen Gruppen, die Lieferverträge mit dem jeweiligen Hüttenbetreiber abschlossen. Bisweilen verdienten sich auch die Bauern, auf deren Gemarkung Erzlager entdeckt worden waren, etwas hinzu – außerhalb der bäuerlichen Saison. Die Erzgräber waren in einer Erzgräberbruderschaft „gewerkschaftlich“ organisiert. Einheimische Bauern stellten oft die Fuhrleute. Mit ihren Fuhrwerken und Zugtieren konnten sie den Transport von Erzen, Holz und Holzkohle übernehmen, wenn nicht gerade die Ernte oder Heu einzufahren waren. Die Erzfunde am Großen Hort waren nicht sonderlich umfangreich, weshalb sich der Erzbergbau, abgesehen von einigen verstreuten Grabungsstätten der näheren Umgebung, in die Rümmelbacher oder Gresaubacher Schotten verlagerte. Nicht selten gab es auch rechtliche Streitigkeiten zwischen den Gemeinden und den Erzgräbern, vor allem dann, wenn die Erzkaulen nicht wieder verfüllt worden waren.

Lebacher_Eier_2Gegraben wurde nach den sog. „Lebacher Eiern“, Toneisensteinerze, die in kleineren Exemplaren eiförmig auftreten. Lebacher Eier kommen im Rotliegenden vor, das vor 280-240 Millionen Jahren entstanden ist. Der Entstehungsort ist ein See, der sich von Rümmelbach bei Lebach bis in die Gegend von Bad Kreuznach erstreckte, also ungefähr die dreifache Größe des Bodensees maß. Entwickelt haben sich die Lebacher Eier im Grunde aus organischen Materialien. Tiere, organisches Material von Tieren oder auch Pflanzen bilden unter Luftabschluss Schwefelwasserstoff, an dem sich Eisensalze schalenförmig anlagern. Leider haben die Erzgräber über Jahrhunderte - es gibt Anzeichen dafür, dass in der Gegend schon im 16. Jahrhundert Erze gegraben wurden - gründliche Arbeit geleistet. Lebacher Eier findet man heute nur noch selten.

Die Holzfäller und Köhler, die in den frühen Jahren in den Wäldern hausten, gehören mehr noch als die Hüttenleute zum frühen Proletariat. Es waren meist auswärtige Kräfte, „soziale Isolate“, wie man sie heute nennt, die außerhalb des Dorfes in eigenen improvisierten Siedlungen mehr hausten als lebten. Bisweilen waren Gerüchte über sie im Umlauf, etwa, dass sie gemeinsam in den Betten schliefen. Die lokalen Historiker haben zwar ihre bescheidenen Verhältnisse bestätigt, nicht aber Auffälligkeiten infolge Amoralität. Eine gewisse Distanz zur angestammten Bevölkerung hat sicherlich bestanden. Die Waldarbeiter und Köhler ließen ihre Kinder taufen wie die Einheimischen auch. Das war das wichtigste. Und der Pfarrer vermerkte im Taufregister den Wohnort: „ex silva Horst“ oder „ex silva vulgo Horscht“.

In der Tat zog die Hütte immer wieder Fremde an. In der Gründerphase stammten fast alle Hüttenleute aus dem belgisch-luxemburgischen Raum. Sie kamen aus dem Raum um Longwy oder Arlon. Man brauchte Fachkräfte. Wo sollten sie sonst herkommen als aus den schon entwickelten Industriegebieten? Auch aus Lothringen wanderten Menschen zu. Manche Familiennamen verraten noch heute die französische Herkunft. Erst später, in einer zweiten Phase lebten die Einheimischen stärker von der Hütte, auch wenn die Schlüsselpositionen weiterhin in den Händen erfahrener auswärtiger Arbeiter blieben. Erst ab 1800 wurde die Hütte stärker zu einer Angelegenheit der einheimischen Bevölkerung. Damals lebten etwa 200-250 Familien aus der näheren Umgebung von der Hütte. Sie war zu einem Motor der Dorfentwicklung geworden. (nächste Seite)
 

 

 

 
 
 
III. Der Erzgräber Weg

Wanderer_auf_dem_Erzweg


Mittlerweile erinnert man sich auch in Schmelz der industriellen Vergangenheit, auch wenn die Überbleibsel bescheiden sind. Darin liegt aber auch der besondere Reiz. Man muss sich auf die Suche machen. Spurensuche. Man ist stolz auf die Vergangenheit. Man erzählt von einer Kupferloch, das wieder zugänglich ist. An der Straße steht ein Schild mit der Aufschrift „Erzweg“. Schnell stellt sich aber heraus, dass es nur die Bezeichnung für ein Gewerbegebiet an der Straße nach Lebach ist. Aber immerhin. Man beginnt sich zu erinnern. Dann erfahre ich, dass es einen „Erzgräber Weg“ gäbe, einen Wanderweg, der zu interessanten Orten der industriellen Vergangenheit führe. Ich beschließe, mich im Herbst auf den Weg zu machen, zusammen mit Maria, meiner Schwester, und meinem Freund Christoph, der die Bilder macht.

Den Herbst muss man lieben, schon allein wegen seiner Farben. Er umfängt uns auch jetzt mit dem Geruch der feuchten Blätter auf der Erde, dem Farbenspiel in den Bäumen, den Sonnenflecken, die das klare Herbstlicht vor uns auf dem Waldweg ausstreut. Wir haben die letzten Häuser des Ortes schnell hinter uns gelassen und sind nun gespannt auf die Spuren, die wir zu finden hoffen. Wir folgen dem „Erzgräber Weg“ mit seiner Markierung aus Pickel und Schaufel auf weißem Grund. Spektakuläres erwarten wir nicht. Aber dennoch: das Herz schlägt etwas schneller vor Aufregung, als wir uns auf den Weg machen.
 

Spuren von Erzgruben

Erzweg_Herbstwald


Nach einem leichten Anstieg entlang des Solbaches stoßen wir schließlich auf ein erstes Grabungsfeld. Auch dem Laien im Lesen vorindustrieller Spuren fällt auf, dass die Erde hier in großem Maßstab durchwühlt wurde und aufgeworfene Erdmassen zurückblieben. Es sind Reste einer etwas wilden Erzgräberei. Einige Schritte weiter und wir stehen vor einer aufgelassenen Erzkaule, etwa vierzig Meter im Durchmesser. Hier mitten im Wald, an der Südostseite des Großen Horstes, hatte man erzhaltiges Gestein entdeckt, das im Tagebau abzubauen sich lohnte.
 
Die "Dicke Eiche" - auch ein Industriedenkmal
 
Die dicke Eiche ist nicht nur ein Naturdenkmal, sondern auch ein Denkmal der Arbeit. Uns erinnert sie an die Köhler. Sie betrieben hier ihre Köhlermeiler, um die Holzkohle herzustellen, die bis zur Verwendung von Koks für die Erzverhüttung notwendig war. Und sie lebten hier in einfachen Hütten, ohne Wasser, ohne Strom, in sehr bescheidenen Verhältnissen. Nicht weit von der Dicken Eiche entfernt vermittelt die Rekonstruktion eines Kohlemeilers einen Eindruck von der Produktion von Holzkohle, die wegen ihres hohen Brennwertes erforderlich war. Später wurde Holzkohle von Koks abgelöst.

Die dicke Eiche ist ein Zeugnis intensiver Waldnutzung. Gepflanzt wurde sie um 1650. Sie ist ein Relikt Erzweg_Eiche_mit_Laubder sog. Mittelwaldwirtschaft, die in der Gegend bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschend war. Unter dem Schutzschirm hochgewachsener alter Eichen und Buchen wurden in einem Rhythmus von 15-20 Jahren jüngere Bäume gefällt. Die größeren Exemplare schützten als „Überstände“ die jungen Bäume vor Wind, Wetter und Sonne. Noch heute breitet die knorrige alte Eiche ihre schöne Blätterkrone über junges Gehölz. Manchmal ist Dickleibigkeit von Vorteil. Überlebt hat die dicke Eiche nur, weil sie irgendwann so dick war, dass sie nicht mehr mit den damaligen Werkzeugen gefällt wer-den konnte. Unbeabsichtigt haben sich die Köhler so ein schönes Denkmal gesetzt. Weitere Spuren fanden wir nicht. Es fehlt uns geologische Kompetenz. Keiner von und ist steinkundig. Deutet die rötliche Färbung des Gesteins wirklich auf Eisenspuren? Klar ist nur: Wir durchwandern geologisch interessantes Terrain. Hier rumorte einst die Erde. Das Gebiet ist vulkanischen Ursprungs.

Der Weg führt im großen Bogen um den Großen Horst. Manchmal öffnet sich der Wald und ermöglicht wunderschöne Ausblicke auf die Gegend um Limbach. Schließlich führt er an der Limbacher „Birg“ vorbei, einer keltischen Wehranlage aus vorrömischer Zeit, die bis in die fränkisch-karolingische Zeit hinein den Menschen als Schutz diente, als Schutz vor Römern, Germanen, Franken und Hunnen oder wer sonst noch alles durch die Gegend streifte. Uns diente die Wehranlage als willkommene Raststätte, bevor wir uns über den großen Horst und den Renges auf den Heimweg machten. (nächste Seite)




Michelbach_Steinbruch_Osten
 
Der große Steinbruch

Ein Höhepunkt der Wanderung sollte uns noch bevorstehen: Der Weg führt vom Hoxfels über einen Höhenweg durch den Großen Horst. Dort befindet sich ein riesiger Steinbruch. Seit Kindertagen beobachtete ich aus der Ferne, wie sich der Mensch mit Sprengstoff und Bagger in den roten Fels des Berges hineinfrisst. Wie eine rote offene Wunde liegt er da, fällt in Terrassen ins Primstal ab. Aus der Nähe habe ich ihn noch nicht gesehen, kannte ihn nur aus der Ferne, vom Vorbeifahren Richtung Trier, von den Spaziergängen über die Felder oberhalb des Dorfes, von den Erzählungen des Vaters, der in seiner Jugend am Großen Horst war. Diese Erzählungen waren wie Berichte von großen Reisen, Erzählungen von anderen Welten. Irgendwie war es gefährlich hier, man konnte abstürzen in den Schlund des Steinbruchs. Verschwinden. Verloren gehen.

Jetzt aber galt es auf dem Höhekamm nur noch ein geeignetes Schlupfloch zu finden, um durch die Absperrung verbotenerweise auf das Gelände des Steinbruchs zu gelangen. Wir standen am höchsten Punkt und waren beeindruckt von dem grandiosen Blick auf den terrassierten Steinbruch und über das Primstal hinüber zu den umliegenden Dörfern. Die Spätherbstsonne durchbrach manchmal die Schleierwolken und brachte die Farbnuancen im roten Gestein zum Vorschein: Ockertöne, mineralisches Grün, schwefeliges Gelb, kristallines Weiß, dunkelrotes Geäder. Zeilen einer Beschreibung der Unterwelt aus „Orpheus. Eurydike. Hermes“ von Rilke kamen mir in den Sinn:

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel,
Sonst war nichts Rotes.
Felsen waren da
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
und jener große graue blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hin
wie Regenhimmel über seiner Landschaft …

Es war still. Die Arbeiten im Steinbruch schienen für heute abgeschlossen. Die letzten vollgeladenen Lastwagen verschwanden hinter den Felsvorsprüngen, die man stehengelassen hatte. Sie ähnelten Kinderspielzeug. Nur selten drang ein Geräusch aus dem Tal zu uns herauf. Es war wirklich eine etwas andere Welt. Wir nahmen uns viel Zeit zum Staunen und Schauen, studierten die Gesteinsformationen und das Farbenspiel im offenen Gestein. Die melancholische Stimmung, die von diesem Steinbruch, die vielleicht von allen Steinbrüchen ausgeht, dachte ich, ist eine Folge der völligen Abwesenheit von Natur. Ähnlich ist es im Hochgebirge. Es ist eine feindliche Welt, die keinen Schutz mehr bietet. Dabei steht man auf Gestein, aus dem uns Millionen von Jahren anschauen und herausfordern.

Am Rengeskopf: Blick ins Tal auf die Reste der alten Schmelz

Den Rengeskopf kannte ich schon aus der Kindheit, d. h., aus den Erzählungen meiner Mutter, die mich im Kinderwagen hier heraufschob, weil angeblich die Luft hier oben besser sein soll. Der „Renges“, das waren erste Nachmittagskuraufenthalte, solange mich der Keuchhusten schüttelte und mir die Luft nahm. Ein Heilort der Kindheit also. Und so ist es auch heute noch, wenn auch die kleine Marienkapelle nicht wirklich schön ist. Nur wenige Schritte führen von Großen Horst zum Rengeskopf. Beide sind geologisch verwandt, sind vulkanischen Ursprungs. Von hier bietet sich uns endlich ein schöner Blick auf das Gelände der alten Schmelz.

Erzweg_Landhaus
 
Goethe könnte aus der Tür treten: Das ehem. Herrenhaus, Wohnhaus des Hüttendirektors,
enstand 1820. Es ist ein sehr schönes Beispiel klassiszistischer Architektur im Saarland.
 
Vor der Stilllegung 1868 hätte sich uns folgendes Bild unten in der Primsaue geboten: Verwalter- und Arbeiterhäuser, Stallungen für die Zugpferde, Hochofen, Erz- Röstofen, das Erz- und Schlackenpochwerk und das Wiegenhaus. Erkennbar wäre auch ein von der Prims abführender Kanal gewesen, dessen Wasserkraft im Pochwerk benutzt wird, um das Erz zu zerkleinern und um die Blasebälge zur Frischlufterzeugung im Hochofen anzutreiben. Und wenn wir 1801 hinuntergeschaut hätten, wäre unten viel Treiben gewesen, Pochen und Hämmern wären zu hören gewesen, wir hätten Rauchschwaden aus dem 8 Meter hohen Hochofen aufsteigen sehen, vielleicht auch das rotglühende Eisen, das aus dem Hochofen züngelt, wie damals in den Kindertagen auf dem Wappen. Fuhrwerke hätten vom Mühlenkippchen Kalk, aus den Lagerstätten bei Bettingen Erze herbeigeschafft, andere Fuhrwerke hätten Eisen Richtung Dillingen transportiert. Immerhin werden in diesem Jahr 400 Roheisen erzeugt. Weiterverarbeitet zu Stahl werden u. a. daraus 36.000 Sensen, 15. 000 Sicheln, 9.000 Kilo Schaufeln, 9000 Kilo Bratpfannen und 500 Winden hergestellt. Heute ist es still dort unten, wie vorhin im Steinbruch: Wir sehen im Tal einige Wohnhäuser und verstreute Holzschuppen, Reste des Sägewerkes, das nach der Versteigerung 1869 auf dem Gelände entstand. Wir beschließen nach der Rückkehr noch vorbeizuschauen und machen eine interessante Entdeckung: Das alte Herrenhaus von 1820 ist noch vollständig erhalten. Ein schönes klassizistisches Gebäude. Einen Augenblick lang hatte ich folgendes Bild vor mir: Goethe erscheint plötzlich in der Tür, schreitet die Treppe herab und setzt sich auf die Bank, über die die mächtige Krone der uralten Platane Schatten wirft. Goethe in Schmelz! Was für ein Unsinn. Gleichviel, er hätte sich sicherlich für die Hütte interessiert. Sie lag etwas zu abseits, als er sich in der Saarbrücker Residenz aufhielt und die Hütte in Neunkirchen und den Brennenden Berg bei Dudweiler besuchte. Er interessierte sich für das „heraufdämmernde Maschinenzeitalter“ und sah auch schon die Gefahren, wenn er von der „Velofizierung“ des Zeitalters sprach.

Goethe trat natürlich nicht vor die Tür und die schöne alte Platane ist mittlerweile gefällt. Dass überhaupt eine solche Phantasie in Schmelz möglich sein könnte, hätte ich vor der Wanderung nicht geglaubt. Ich muss dieses Haus schon als Kind gekannt haben, denn ein-, zweimal war ich mit meinem Vater hier gewesen, um Holz zu besorgen. Damals hatte ich noch keinen Sinn für alte Häuser. Auch einige umstehende Wohnhäuser stammen sicherlich noch aus der Zeit der alten Schmelz. In ihnen wohnten Verwalter und Facharbeiter. Auch die alte Waage der Hütte ist noch vorhanden. In den Holzschuppen, die wir von oben gesehen hatten, befinden sich noch die jetzt leeren Hochregale für die Lagerung des Holzes. Luftöffnungen sorgten für die Zufuhr von Frischluft, damit das Holz –Latten und Bretter verschiedener Dicke – gut durchtrocknen konnten.

 Mehr als wir erhofften, hatten wir entdeckt. Eigentlich fühlten wir uns beschenkt von diesem sonnigen Spätherbsttag. Es begann schon zu dämmern. Wir beeilten uns, um nach Hause zu kommen.

Wiegehaeuschen_b



















Eines der wenigen Zeugnise der Bettinger Schmelz ist das ehemalige Waagehaus.

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Informationen
Der Erzgräber Weg ist einer der Saar-Lor-Lux-Kulturwanderwege und führt zu Zeugnissen der vorindustriellen Erzverhüttung in der Umgebung von Schmelz. Start- und Zielpunkt ist der Wanderparkplatz „Dreihausen“, Ecke Ambet-/Goldbacher Straße. Einkehrmöglichkeiten gibt es nur in Schmelz. Für die Wanderung benötigt man ca. 4 Stunden. Markierung: Pickel und Schaufel auf weißem Grund.

Die Gemeinde Schmelz hat zum Erzgräber Weg einen kleinen Flyer herausgegeben:
Erzgräber Weg. Ein Rundwanderweg der Gemeinde Schmelz

Gemeinde Schmelz
Rathausplatz 1
66839 Schmelz
Tel.: 06897-301-138
Fax: 06897-78 34
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
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Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2009

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