Breadcrumbs
| Göttelborn Grube und Werkssiedlung |
|
|
Seite 1 von 3
INDUSTRIEKULTUR:
Vorstellungen von unberührter Landschaften gehören in den Bereich der Romantik. Es gibt kaum mehr Regionen, in die der Mensch nicht schon eingegriffen hätte. Die letzten wirklichen Naturräume findet man vielleicht noch in den Dschungeln des Amazonas oder in einigen entlegenen Seitentälern der Sahara. Vor allem in den Industrieländern ist jeder Flecken vom Menschen überformt, verändert, gestaltet und verun- Keine Epoche hat jedoch hat die Landschaft mehr verändert als die Industrialisierung: Fabriken entstanden, Hütten und Gruben. Um sie herum begannen Halden, Pyramiden des Industriezeitalters, zu wachsen, Schlammweiher wucherten in die Landschaft. Neue technische Transportmittel wurden erfunden, Straßen und Brücken gebaut, Schienen verlegt, Flüsse begradigt, Kanäle gebaut. Die neuen baulichen Anforderungen des industriell-technischen Zeitalters - Fabrikhallen, Bahnhöfe, Eisenbahnbrücken, Wassertürme, Hoch- Zu diesen materiellen traten noch die sozialen und künstlerischen Veränderungen: Es entstanden neue gesellschaftliche Schichten, neue Formen des Zusammenlebens, beispielsweise in Siedlungen oder in anonymen Mietskasernen, neue Formen der Freizeit und schließlich auch neue Kunstformen. Nicht nur reflektierten die verschiedenen Künste thematisch die technischen und sozialen Veränderungen, sondern es entstanden auch neue Kunstformen wie Photographie und Film, Video- und Computerkunst. Der Kunstbegriff wurde erheblich erweitert, Kunstwerke konnten beliebig oft reproduziert werden. Die Gesamtheit dieser durch den industriell-technischen Komplex ausgelöste materiellen und künstlerischen Zeugnisse, aber auch soziale Lebens- und Denkformen versucht man heute mit dem Begriff INDUSTRIEKULTUR zu erfassen. Dem, der das Glück hat, in Göttelborn mit dem Fahrstuhl durch den Schachtturm des Fördergerüstes IV auf die obere Plattform zu fahren, wird Zeuge dieser gewaltigen Veränderung durch die Industriekultur. Ihm bietet sich ein grandioser Ausblick auf die Industrieregion, ein Erlebnis, vergleichbar dem Blick von den Türmen gotischer Kathedralen, allerdings mit völlig anderen Vorzeichen: In luftiger Höhe kann man hier studieren, wie sehr der Bergbau mit einem radikalen Landschaftswandel verbunden ist, von hier erhält man einen phantastischen Einblick in das ausgedehnte Betriebsgelände, den kargen und düsteren Landschaftsgürtel aus Halden und Absinkweiher, die Anbindung durch ein quirliges Netz aus Schiene und Straßen an das Umland. Mehr noch: Man kann die Werkssiedlung studieren, die zu den herausragenden Arbeiterquartieren im Saarland gehört. Und man kann die Blicke weit ins Land schweifen lassen, bis zu den Höhenzügen bei Saarbrücken, dem Pfälzer Wald, dem Schaumberg bei Tholey. Schließlich ist auch der Strukturwandel erkennbar: Auf dem Gelände des Absinkweihers ist inzwischen eine riesige Solaranlage entstanden, in modernen Erweiterungsbauten werden Pilotinnen und Piloten ausgebildet oder haben sich innovative Technologien angesiedelt. Die Luftaufnahme zeigt eine Gesamtansicht der Grube Göttelborn aus dem Jahr 1960. Dahinter die Ortschaften Göttelborn und Merchweiler. Blick von der Göttelborner Halde. Der ehemalige Absinkweiher und dahinter die Ortschaft Quierschied. 2010 BERGWERK GÖTTELBORN – EIN „ZUKUNFTSSTANDORT“ Noch vor einigen Jahren hätte kaum jemand dieses Gelände eines Blickes für würdig befunden. Nicht nur waren die Gruben und Hütten verbotenes Terrain, sondern niemand interessierte sich dafür, solange hier die Förderung und Produktion auf Hochtouren lief. Das hat sich geändert, als die Gruben und Hütten stillgelegt worden sind. Jetzt erst wird klar, dass auch die Industriezeit eine eigene Formensprache und kulturelle Ausdrucksweise entwickelt hat, die vorindustriellen Epochen ebenbürtig ist. Ein neuer Blick schärft die Sinne zur ENTDECKUNG der von der Industrie geprägten Landschaft und ihrer erhaltenswerten Denkmäler. Es ist ein Blick zurück in die Kulissen einer Zukunft von gestern und es ist ein Blick nach vorn in eine neue Zukunft: Einzigartige historische Bauwerke sollen nicht zerstört, sondern einer neuen kreativ-ökonomischen Nutzung zugeführt werden. Von der Kommission „IndustrieKultur Saar" wurde das Bergwerk Göttelborn im Jahr 2000 neben dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte und dem Bergwerk Reden zu einem der saarländischen „Zukunftsstandorte" der Industriekultur erklärt, die im Rahmen eines zehnjährigen Projektes besonders entwickelt werden sollen. Dadurch erhält der futuristische Förderturm an Schacht IV jenseits seiner ursprünglich gedachten Funktion neue symbolische Kraft: Zeichen zu sein für technische Leistungsfähigkeit, für Kreativität, Phantasie und den Erneuerungswillen einer von Kohle und Stahl geprägten Region. Man darf gespannt sein, wie 2010, also nach einer Projektphase von 10 Jahren, eine erste Bilanz aussehen wird.
ZUR GESCHICHTE DES BERGWERKES GÖTTELBORN 500 Jahre Bergbau Das Jahr 2000 war ein schwarzes Jahr in der Geschichte des Bergbaus: Das Bergwerk Göttelborn wurde stillgelegt. Begonnen hatte alles gut 500 Jahre vorher. Aus dem Jahre 1446 stammen die ersten Nachrichten von einer Kohlengrube. Das Dorf Göttelborn gab es damals noch nicht; denn die Besiedlung des Göttelborner Banns begann erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Vermutlich handelte es sich damals noch um eine recht wilde Kohlegräberei an den zu Tage tretenden Flözen. Vereinzelte Nachrichten über Bergbau auf Steinkohle im Bereich Göttelborn stammen aus der Zeit nach 1770. 1887: Gründung der Grube Nach diesem Vorspiel begann dann nach 1887, also in der Phase der Hochindustrialisierung, die große Zeit des Göttelborner Bergbaus. Nach dem Wiener Kongress befanden sich große Teile des heutigen Saarlandes in preußischer Verwaltung, die Gruben wurden - nachdem Wilhelm Heinrich die wenig organisierte „Kohlengräberei" im Herzogtum Nassau-Saarbrücken schon 1751 verstaatlicht hatte, vom preußischen Bergfiskus verwaltet. So war es auch die Königlich-preußische Bergbehörde, die im Waldgelände zwischen Göttelborn und Quierschied umfangreiche Schürfungen durchführen ließ, um Aufschluss über vorhandene Kohlevorkommen zu erhalten. Da diese Voruntersuchungen positiv verlaufen waren, begann man 1887 mit dem Anhieb der Grube Göttelborn. Zwei Stollen wurden in das 1,65 Meter dicke Flöz, das man später „Eilert - Flöz" nannte - nach dem Geheimen Bergrat Karl-Friedrich Eilert - getrieben. Die beiden Stollen befanden sich auf dem Niveau des späteren Grubenbahnhofs. Aus dieser Anfangszeit der Göttelborner Grube sind nur noch sehr wenige Zeugnisse erhalten, weil die alten Anlageteilen späteren Erweiterungen weichen mussten oder weil sie starke Veränderungen erfuhren. Beachtenswert ist vor allem ein historistisches Stollemundloch, ein Werkstattgebäude und ein Magazin. Ansiedlung von Arbeitskräften Arbeiter der Grube Göttelborn um 1900 Da die Preußische Bergverwaltung Arbeitskräfte benötigte und ein Interesse daran hatte, sie in unmittelbarer Grubennähe anzusiedeln, entstanden schon 1888 neben dem Inspektionsgebäude, der Direktor- und Inspektorvilla 31 Doppelhäuser, die 1904 durch weitere acht Doppelhäuser und vier Vierfamilienhäuser ergänzt wurden. Eine dritte Erweiterung erfolgte nach dem 1. Weltkrieg - die Wirtschaft des Saargebietes wurde zwischen 1918 und 1935 von Frankreich verwaltet - aufgrund einer Initiative der französischen Grubenverwaltung, die 6 weitere Doppelhäuser für Angestellte und zwei Villen für Grubeningenieure, die sogenannte „Beamtenkolonie", errichten ließ. 70er Jahre: eine der leistungsfähigsten Gruben Die weitere Entwicklung der Grube verlief parallel zu allgemeinen Entwicklung: Bau eines Das moderne Fördergerüst an Schacht IV: ein weithin sichtbares Wahrzeichen Schließlich begann man noch mit dem Abteufen von Schacht IV und errichtete darüber ein spektakuläres Fördergerüst, das für viele Bergleute, über denen das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit schwebte, eine Zeichen der Hoffnung wurde. Doch die Investitionen in Höhe von 400 Millionen Mark zahlten sich nicht mehr aus, der Optimismus in die Zukunft trübte sich schnell. Die Kürzung der Subventionen für den Bergbau, zu hohe Kosten und sinkender Kohleabsatz führten zum Ende des Bergbaus in Göttelborn. 1995 arbeiteten noch 4200 Menschen hier. Am 1. September 2000 wurde die letzte Tonne Kohle gefördert. Damit endete am Traditionsort Göttelborn ein wichtiges Kapitel der saarländischen Industriegeschichte. Doch die Entwicklung in Göttelborn ist kein Einzelschicksal. Eine ganze Ära, in der Kohle und Stahl die Geschicke dieser Region bestimmte, geht zu Ende. Eine neue Epoche, bestimmt von moderner Informationstechnologie und weltweiter Vernetzung, ist schon längst angebrochen. Und auch in Göttelborn ist von der IKS längst ein neues Kapitel aufgeschlagen worden.
|






Grubenbahnhofs und Anschluss an das Gleisnetz (1890, 91), Elektrifizierung unter Tage (1908), Verdrängung der Pferdebahn durch Einsatz einer Benzollokomotive (1909) und schließlich der Elektrolokomotive (1911). Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Weiterentwicklungen der Bergtechnik wie Stahlstempel, Kettenförderer und Schrämmaschinen eingeführt, die ersten Elektrofördermaschinen verdrängten die Dampffördermaschine. Die Tagesanlagen wurden ständig erweitert und den steigenden Fördermengen angepasst. 1972 gehörte die Grube Göttelborn zur Spitzengruppe des deutschen Bergbaus. Zahlreiche Veränderungen und Investitionen wurden in dieser Zeit durchgeführt: Weitere, das heutige Landschaftsbild prägende Flotationsabsinkweiher wurden notwendig, die Infrastruktur des Tagesbetriebes wurde verbessert, z.B. durch Errichtung einer Schwarz-Weiß-Kaue. Beachtlich sind die Leistungen der Techniker und Ingenieure. 1978 wurde Schacht III von der 3. Sohle im Weltrekord bis zur 5. Sohle vorangetrieben. Bei einem Schachtdurchmesser von 6,5 Meter wurden Tagesleistungen von 20 Meter erzielt.