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Eine Stadt entkernt sich selbst:
Es ist so viel gestritten, gewehklagt und polemisiert worden für und wider die Umgestaltung der alten Saarbrücker Bergwerksdirektion zum verwinkelten Einkaufscenter Europa-Galerie, dass ich bisher keine Lust hatte, mir das Ergebnis von innen anzusehen. Mir reichte, dass ich die Bergwerksdirektion im Februar 2007 im Zuge einer Führung im Originalzustand von innen sehen und ausgiebig darin fotografieren durfte. Doch heute war es so weit: Meine Frau hatte unweit der neuen Europa-Galerie Schuhe für mich entdeckt, und da „Shoppen“ nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, wollte ich es gleich hinter mich bringen und wir düsten am frühen Abend nach Saarbrücken. Und wo ich schon mal da war, ging ich mit der Kamera im Anschlag in die von den Medien ach so hip geschriebene neue „Mall“ und erschrak gleich am Eingang: Das Glasfenster-Triptychon nach einem Entwurf von Ferdinand Selgrad aus dem Jahr 1962 im Treppenhaus mit der spektakulären, gusseisernen Freitreppe leuchtet nicht mehr! Von der Außenwelt abgeschnitten schimmert es nur noch dunkel und darf so wohl als beispielhaft angesehen werden für den z. Zt. vorherrschenden Umgang mit dem bergbaulichen Erbe im Saarland.
Links: Die originale Ansicht der drei Bleiverglasungen von Ferdinand Selgrad fotografiert im Jahr 2007. Rechts: Die traurige Präsentation der nun lichtlosen Bleiverglasung aufgenommen im Jahr 2011. (Noch mehr Ansichten finden sie am Ende dieses Artikels im Galerie-Modul.) Geschaffen, um mit ihm als „Ehrenmal“ „nicht nur der Opfer von Luisenthal (1962, 298 Tote) , sondern aller Saarbergleute, die in Ausübung ihres Berufs den Bergmannstod gefunden hatten.“ zu gedenken, ist es nur noch matte Wand-Illustration im Aufgang zu einem Bücher-Kaufhaus. Das kunstvoll gearbeitete, schmiedeeiserne Geländer muss sich jetzt hinter einem zweiten, neuen Stahlgeländer inklusive Gitterdraht verstecken, das in die originalen Stufenauflagen aus Granit hinein verschraubt wurde. Vielleicht sollten wir froh sein, dass die Treppen samt Geländer nicht einfach herausgerissen wurden und dass anstatt einer Buchhandlung nicht ein Sex-Shop oder eine Burger-Braterei Einzug gehalten hat. „Na, immerhin…“, ist man versucht zu sagen, aber einen vollen Punkt für Pietät gibt das noch nicht.
2007: Original Zustand des Treppen- 2011: Das von Gitterdraht kaschierte schmiedeeiserne Geländer hauses der gusseisernen Freitreppe. Der Schock hält an und geht tiefer, je länger ich mich im Innern der Europa-Galerie umsehe: Das stolze Baudenkmal der ehemals „Königlich-Preußischen Bergwerksdirektion“ nach dem Entwurf der Berliner Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden ist dazu degradiert, potemkinsche Kulisse für einen Konsumtempel - wie tausend andere auch - abzugeben. Die im Innern sichtbaren Relikte der Bergwerksdirektion wirken wie billige Styropor-Attrapen, aufgepappt, um in der völlig auswechselbaren Shopping-Mall-Architektur für ein „stimmungsvolles Ambiente“ zu sorgen. Fast erwartet man, dass die Dekoration im Wechsel der Jahreszeiten oder wenigstens doch alle paar Jahre ausgetauscht wird. Warten wir’s ab.
Ob sich das alles denn wenigstens „rechnet“? Selbst das muss bezweifelt werden. Tönten nach der Eröffnung im Oktober noch alle während des Weihnachtsgeschäfts von sensationellen Besucherzahlen, jammerten die Ladeninhaber im Januar schon unisono über „nix los“ und beteten, dass es im Februar bestimmt (bitte, bitte) wieder besser werde. Danach sah es heute jedenfalls nicht aus. Nicht wenige Mieter der Europagalerie hatten vorher ihre Geschäfte zwischen St. Johanner Markt und Europa-Galerie und sind umgezogen. Der Branchenmix der neuen „Mall“ verspricht keine weitgereisten Besucher. Was es dort zu kaufen gibt, gibt es auch in Trier, Kaiserslautern, Homburg, Zweibrücken und in Metz. Und was es dort mal zu sehen gab, das existiert so nicht mehr. Wenn die Europa-Galerie trotzdem tatsächlich den erwarteten Erfolg haben sollte, wird die Bahnhofstraße dafür mit vermehrtem Leerstand bezahlen und zusehends veröden. Und diese „Krankheit“ wird weiter in die Seitenstraßen eindringen und nicht an der schon ganz schön unter die Räder gekommenen Kaiserstraße Halt machen. Sogar die Mainzer Straße rappelt sich wieder nach ihrem „Saarbahn-Desaster“; die dortigen Händler und Gewerbetreibenden entwickeln wirklich richtig gute Ideen, um ihre Straße wieder zu dem Magneten werden zu lassen, der sie früher einmal war. Für ein paar Kröten Umsatz- und Gewerbesteuer „jetzt“ hat die Stadt Saarbrücken – zugegeben, nicht ganz ohne Not – die Zukunft einer gewachsenen und im Kern noch einigermaßen gesunden Struktur geopfert. Ich hätte nicht gedacht, dass ich je den Ungeist des Berliner Sarrazenen-Thilo einmal paraphrasieren würde, aber es scheint so zu sein: „Saarbrücken schafft sich ab.“
Das verblüffendste, wenn auch beileibe nicht das Bestürzendste, bei diesem City-Ausflug war für mich aber, dass es den Bauherren tatsächlich sogar gelungen ist, selbst die mit kaum mehr als 20 Jahren schon richtig alte und völlig aus der Mode gekommene Gewerbeimmobilie der „alten“ SaarGalerie auch ganz gehörig zu verschandeln. Mit Verblendungen, die anscheinend antikisierend wirken sollen, hat man z. B. versucht, einen Brückenschlag zur Architektur der Bergwerksdirektion herzustellen. Ich durfte mich „damals“ im Rohbau rumtreiben, weil ich das Logo entworfen und während des ersten Jahres des Betriebs der SaarGalerie den Werbeetat mitbetreut habe. Aber wenn Sie mich heute dort mit verbundenen Augen hingeführt und die Binde gelöst hätten; ich wäre nicht darauf gekommen, wo ich bin. Auf die Schenkel schlagen könnte man sich vor Lachen, wenn man das sieht. Aber ich musste nur noch raus, raus, raus; das grausame Ganze raubte mir fast die Luft zum Atmen. P. S.: Die Schuhe waren übrigens nicht ganz mein Fall, aber ein Regal weiter fand ich ein Paar passende und sehr bequeme. An dieser „Front“ wenigstens herrscht wieder für ein Jahr Ruhe. Gott sei Dank!
________________________________________________________________________________ Zum Autor dieses Artikels
Mein Name ist Franz Albert, ich bin 1959 im Saarland geboren, wo ich nach Lehrjahren in Berlin seit über 20 Jahren selbstständig als Grafiker arbeite und mich nach „einem halben Leben für Design und Werbung” seit einigen Jahren verstärkt der freien Kunst zuwende. Dabei interessieren mich die Dinge meiner alltäglichen Umgebung, und dort z. Zt. ganz besonders der reiche Schatz an industriellem Erbe, dem man in unserem Ländchen auf Schritt und Tritt begegnet – und den man oft übersieht. Kohle und Stahl bestimmten nicht nur viele Jahrzehnte lang das Leben vieler Menschen hier im Land, sondern prägen auch heute noch unsere Landschaft.
Links zum Autor: _________________________________________________________________________________ Das Copyright aller Bilder dieses Artikels und der Inhalt des Galeriemoduls liegen bei unserem Autor Franz Albert © 2011. Bildbearbeitung und Titelgrafik für die Industriekultur-Ansichten Christoph M Frisch © 2011. Bildergalerie "Bergwerksdirektion Saarbrücken"
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Das Denkmal ist entkernt und seiner Seele beraubt, für immer verloren; anders kann man es nicht sagen. Sogar die abends nach außen hin noch erleuchteten Fenster der Fassade künden nur von innerer Leere. Wer’s nicht glaubt, soll sich’s bitte selbst ansehen: Da ist nichts dahinter, nur ein bisschen elektrisch glimmendes Licht. Ich wüsste gerne die Höhe der Jahresrechnung für diese Alibi- Illumination. „Talmi", nichts Anderes fällt mir dazu ein; der Triumph der Barbarei ist perfekt und rundum gelungen. 
