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Madenfelder Hof

 MADENFELDER HOF
   von Rüdiger Janson, 2011

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Mein Name ist Rüdiger Janson. Ich bin am 4.12.1956 in Landsweiler-Reden geboren, genau gesagt, auf dem Madenfelderhof in der Madenfelderhofstraße. Es war - oder ist immer noch - eine kleine Werkssiedlung mit zwei Straßen. Unsere Wohnung war der Kokerei Reden, die dort etwa 1936 erbaut wurde, am nächsten gelegen. Von unserem Küchenfenster aus konnte ich direkt zum Eingangstor sehen. Mit dem Scheppern, Zischen und Rumpeln lebten wir, als wäre es nie anders gewesen. Wie wir überhaupt, so nahe gelegen an einer Industrieanlage, des Nachts schlafen konnten, wundert mich heute noch. Es ist aus heutiger Sicht kaum zu glauben, aber damals wohnten in der kleinen Vierzimmerwohnung drei Familien. Unten bewohnte meine Großmutter Helene Janson und Tante Charlotte zwei Zimmer. Oben wohnte meine Tante Maria Lauer mit Familie das eine Zimmer, und wir das andere. Karl Lauer, der Mann von Tante Maria, baute allerdings damals in Heiligenwald ein Haus. So kam es, dass die vierköpfige Familie Lauer bald ein Zimmer frei machte.

An die Zeit, als sie noch bei uns wohnten, kann ich mich kaum noch erinnern; aber an die Zeit in der Zweizimmerwohnung schon. Meine Großmutter bewohnte dieses Haus schon seit 1932. 1922 heiratete sie meinen Großvater Josef Janson. Er war Bergmann von Beruf. Er ist wohl kurz zur Bahn gewechselt, kam aber wieder zum Bergwerk Reden zurück. Er starb aber 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung, die er sich wegen eines Unfalls auf dem Bergwerk zuzog. Mein Vater Jakob Janson war der einzige Sohn von sechs Kindern. Als ich geboren wurde hatte er eine schwere Jugend hinter sich. Es gab Krieg als er zehn war. Als er 15 war, war der Krieg beendet. Er hat nie viel erzählt. Aber wenn er davon erzählte, war das mehr als erschütternd. Er erzählte einmal, dass er 800 Kilometer nach Hause gehen musste, und dass ein Kamerad von ihm beim Springen von einem LKW, vor seinen Augen erschossen wurde. Auch meine Mutter konnte ähnlich schlimme Geschichten erzählen. Sie liefen mit meiner Großmutter Elisabeth Dörr oft viele Kilometer um zum Hamstern. So nannten sie es damals. Sie gingen betteln. Mein Großvater Friedrich Dörr war zwar auf der Kokerei Heinitz beschäftigt, aber Lebensmittel waren knapp. Die Menschen damals verbrachten viele Stunden in Bunkern auf der Flucht vor angreifenden feindlichen Bombern. Nach dem Krieg machte mein Vater eine Lehre als Schreiner in Landsweiler-Reden. Dann arbeitete er jedoch als Kokereiarbeiter auf der Kokerei Reden. Da mein Großvater nicht mehr lebte, musste er Geld verdienen, und die Werkswohnung auf seinen Namen nehmen. Mein Vater und mein Großvater Friedrich Dörr lernten sich damals auf der Kokerei Reden kennen. Familie Dörr bewohnte ein Haus in der Neunkircher Straße in Bildstock (Friedrichsthal).

Ich möchte eines vorweg erwähnen: Es mag sich vieles ärmlich anhören was ich hier von meiner Kindheit berichte, aber im Gegensatz zu dem was meine Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten berichteten, hatte ich eine wirklich glückliche Jugend. Und deshalb habe ich allen Grund, Gott dankbar zu sein.

Mein Vater arbeitete ein Leben lang fleißig für seine Familie, und sein einziger Luxus, den er sich Kokereileistete, war ein Motorroller als er über 40 Jahre alt war. Nun, diese Wohnung auf dem Madenfelderhof war für viele Jahre das Zuhause unserer Familie. Zur Zeit meiner Großeltern war die Kokerei noch nicht errichtet. Mein Großvater erlebte die ersten baulichen Maßnahmen der Kokerei nicht mehr. Die große Bergehalde gab es ebenfalls noch nicht. Damals war dort ein kleiner Wald und ein Brunnen. Die große Bergehalde und die Kokerei haben das Bild der Siedlung sehr verändert. Heute ist die Halde so mächtig geworden, dass sie den Weg nach Reden versperrt, der zwischen der alten und der neuen Halde hindurchführte. Das Bild, das sich mir als Kind bot war das, einer gut funktionierenden Industrie. Es gab zahlreiche Bergwerke, Kokereien, Eisenhütten und andere große Industrieanlagen. Viele Menschen fanden im Bergwerg Reden, und auf der Kokerei Reden, Arbeit. Ich konnte, von unserem Fenster aus, den Eingang der Kokerei sehen. Ich konnte hinunter auf den Motorradstellplatz sehen. Ich sah die Arbeiter kommen und gehen. Ich sah, wie sie ihre Motorräder starteten und so mancher Arbeiter hatte damit zu kämpfen. Ich sah das alte Grubenpferd, das einen Wagen über die Anlage und zum Tor hinaus zog. Vom Schlafzimmerfenster aus konnten wir direkt auf die Anlage sehen.

Mein Vater hatte es also nicht weit zur Arbeit. Er wohnte sozusagen fast auf der Anlage. Die Zimmer hatten an einer Seite schräge Wände. Sodass nicht viel Platz war um Möbel aufzustellen. Im Schlafzimmer stand ein einfaches Bett das sich meine Eltern teilten. Direkt daneben stand mein Kinderbett und davor Richtung Fenster, ein Tisch. An der geraden Wand stand ein Kleiderschrank. Im anderen Zimmer war auch wenig Platz. Ein Schrank, ein Tisch, eine Kommode, ein Ofen und ein Fernsehgerät. Ja, wir waren schon stolze Besitzer eines Fernsehers, der in einem schwarzen Fernsehschrank eingebaut war. Wir hatten damals nur ein Programm, das ARD. Ich erinnere mich daran, dass mein Großvater Friedrich Dörr oft vor oder nach der Schicht zu uns kam um die Nachrichten zu sehen. Wir hatten auch zwei Kellerräume und eine Waschküche hinter dem Haus. Die Waschküche wurde damals noch benutzt, denn Waschmaschinen hatten wir nicht. Die Hausfrauen damals mussten noch richtig schuften, wenn Waschtag war. In der Waschküche, die Gott sei dank sauber und in gutem Zustand war, befand sich auch der Plumpsklo. Ein Kämmerchen mit einem Holzkasten der in der Mitte ein Loch hatte, das mit einem Holzdeckel abgedeckt war. Darunter war eine große Grube die, für uns Kinder, nicht ungefährlich war. Um sein Geschäft zu erledigen, musste man also, ob Winter oder Sommer, die Wohnung verlassen und das Häuschen aufsuchen. Diese Häuschen waren damals entweder in den Kellern eingebaut, aber häufig waren es auch allein stehende Häuschen die im Garten standen. Natürlich waren diese Plumpsklos dann nicht beheizt. Darum hatten wir es mit unserer Waschküche schon besser. Dort konnte man ein Feuer machen und es war auch wesentlich windgeschützter als anders wo. Das sollte sich jedoch ändern als wir in eine andere Wohnung umgezogen sind. In der Koloniestraße war der Klo im Kohlekeller eingebaut. Ein Horror für mich. Mit Sicherheit war man dort nie alleine. Man hatte ständig nette Gesellschaft von Spinnen. Als in den Häusern, in den Schlafzimmer der Eltern, ein Kämmerchen mit Dachluke gebaut wurde und dieses mit einem modernen Klo mit Wasserspülung installiert wurde, war das für uns alle wie Weihnachten und Ostern gleichzeitig. Es waren eben andere Zeiten. Kaum jemand hatte ein Auto, es gab nur ein Telefon, das eine Familie für Notfälle zur Verfügung stellte. Früher musste auch oft der Wächter und der Sanitäter der Kokerei bei Notfällen helfen, was sie auch bereitwillig taten. Die Wohnungen hatten kein Bad und doch waren wir glücklich und zufrieden. Vielleicht waren wir sogar zufriedener als heute.

MfHof01Ich erinnere mich an vieles aus meiner Kindheit. Das lachende Gesicht meiner Mutter wenn sie mich aus dem Bett hob. Mein Vater, der mich aufs Fahrrad packte und mit mir umherfuhr. Meine Großmutter und die Verwandtschaft, die sie regelmäßig besuchten, und meine Tante Helene Collissi die ebenfalls mit Familie auf dem Madenfelderhof lebte. Und an die Samstagabende. Ja, diese Samstagabende waren immer etwas besonderes. Erst wurde gebadet. Dazu schleppten mein Vater und meine Mutter immer diese Zinkwanne aus dem Keller. Auf dem Herd wurde das Wasser erhitzt und dann wurde nacheinander gebadet. Obwohl, nacheinander stimmt auch nicht immer. Wir Kinder badeten auch schon mal zu zweit in der Wanne. Dann gab es ein tolles Abendessen. Gebackener Fleischkäse mit Brötchen (Saarländisch Weck), Limonade für die Kinder und eine Flasche Bier für den Vater. Dann durften wir noch etwas fernsehen. Gegen 18 Uhr kam meistens Daktari, Tarzan oder Raumschiff Enterprise. Wir durften auch schon mal etwas länger auf bleiben. Es gab aber auch Zeiten der Angst und Trauer. Hausgeburten waren damals durchaus üblich. So wurde meine ältere Schwester 1955 tot geboren. Nach mir, 1958, kam ein Junge zur Welt der auch nur ein Tag lebte. Meine anderen Geschwister kamen alle im Krankenhaus zur Welt. Ich erinnere mich, dass wir Kinder noch viel miteinander gespielt hatten. Das war ja auch kein Wunder. Das Fernsehen startete erst gegen 17:00 Uhr sein Programm mit einer Kinderstunde.

 Madenfelderhof02Die Umgebung war damals unser Spielplatz. Obwohl meine Mutter nicht wollte, dass ich auf der Bergehalde spielte, bauten wir uns manchmal dort Häuschen. Dabei war es für uns Hofer Kinder immer ein kleines Abenteuer, die Bergehalde bis zur Spitze zu erklimmen. Damals konnte man von oben über ganz Landsweiler Reden sehen. Der Ausblick war noch nicht von Birkenbäumen versperrt. Auf der Spitze war damals noch ein Eiserner Schießstand, der noch aus dem Krieg da stand. Nur die neue Halde mieden wir. Die war weniger reizvoll und zu gefährlich. Genau wie der große Schlammweiher. Wir Kinder wussten schon, wo wir lieber weg bleiben sollten. Damals wurden noch die Bergeloren an einem Stahlseil zur Spitze hinauf gezogen und oben abgekippt. Wasser lief oft in Sturzbächen die Halde hinunter. Der kleine Weiher, unterhalb des großen Schlammweihers hingegen war wiederum ein beliebterer Spielplatz; zumal dort schon mal ein Angler sein Glück versuchte. Offenbar gab es dort wirklich noch Fische. Aber essen wollte die keiner. Das waren unsere Spielplätze; die Wiesen, Felder, Wälder und Halden um den Madenfelder Hof. Wir bauten Drachen und ließen sie fliegen. Die selbstgebauten Drachen standen oft ruhig und majestätisch am Himmel. Wie man Drachen baut und fliegen lässt, lernten wir Hofer Kinder oft von unseren Vätern. Im Winter fuhren wir Gleitschuhe und Schlitten. Es gab damals kein Kind das vorm Fernseher saß, wenn draußen Schnee lag. Es war auch noch durchaus üblich, dass man an Weihnachten ein paar Gleitschuhe geschenkt bekam oder einen Schlitten.

Es war schon etwas besonderes, ein Hofer Kind zu sein. Wir gingen damals noch in Reden zur Schule. Man konnte ja noch zwischen den Bergehalden durch gehen. Dort gab es eine richtige Straße, die später zu gekippt wurde. So gingen wir Hofer Kinder immer gemeinsam in die Schule und danach wieder gemeinsam nach Hause. Das ermöglichte uns auch schon mal ein Fußballspiel gegen die Redener Kinder zu spielen, das wir Hofer allerdings immer gewannen.

Auf dem Madenfelder Hof kannte jeder jeden. Frauen versammelten sich schon mal auf der Straße zu einem kleinen Schwätzchen. So war das auch in dem kleinen Geschäft unten an der Kurve. Das war noch ein richtiger "Tante Emmaladen". Das jeder jeden kannte war auch deshalb so, weil unsere Väter und Großväter Arbeitskollegen waren, die Seite an Seite schufteten. Einige arbeiteten auf der Redener Grube, die Anderen in der Kokerei. Als die Kokerei Reden in den sechziger Jahren zum ersten Mal geschlossen wurde, hatten wir Kinder einen neuen Abenteuerspielplatz. Das ging aber nicht immer gut; manchmal mussten wir vor dem Grubenhüter flüchten. Einmal erwischte er mich und meinen Spielkameraden oben am Gasometer. Vor diesem "Ungetüm" hatten unsere Eltern schon etwas Angst; ist doch 1933 in Neunkirchen ein solcher Gasometer explodiert. Es war ein furchtbares Unglück, von dem meine Eltern oft berichteten.
 

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Als die Kokerei wieder für ein paar Jahre geöffnet wurde, kam auch mein Vater wieder zu seinem alten Arbeitsplatz zurück. So wuchsen wir bescheiden aber glücklich, in einer angenehmen und Freundschaftlichen Atmosphäre, auf. Unsere Eltern waren bestimmt nicht reich; sie hatten aber durch ihre fleißigen Hände Arbeit für ihre Familien gesorgt. Wenn es auch manchmal finanziell eng war, so lag doch immer etwas unter dem Weihnachtsbaum.

Wenn ich heute so zurück denke, dann erinnere ich mich an nachbarschaftliche Freundschaft. Ich erinnere mich an die erste Waschmaschine, an die vielen Arbeiter die im Bergwerk Reden ein und ausgingen. Ich erinnere mich an die belebte Werkskantine und an das rege Leben, das unserer Region so interessant und schön machte.

Wenn ich mich so zurück erinnere, muss ich sagen, dass wir zwar nicht viel hatten, aber eine sehr glückliche Kindheit erlebten. Wir waren eben eine Gemeinschaft, die zusammen gehörte. Wir leben heute in einem betrügerischen "Scheinluxus" der nur wenige wirklich reich macht. Aber sind sie deshalb auch so glücklich, wie wir Hofer Kinder einst waren. Ich denke heute noch gern an die Zeit zurück, als wir noch Hofer Kinder waren; als das Leben noch einfacher, bescheidener, aber besser war.

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Für das Titelbanner wurden Fotografien (v.l.n.r.) von Armin Schmitt, Rüdiger Janson, Gerd Kügelgen (LPM) verwendet.© 2011
Grafikerstellung und EBV Christoph M Frisch.
Bild Kokerei und Eisenbahnlinie: Joachim Lischke
© (LPM) 2011
Alle anderen Aufnahmen wurden den Industriekultur-Ansichten von Rüdiger Janson zur Verfügung gestellt.Rüdiger Janson
© 2011 Rüdiger Jansons Website

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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