Unser erster Besuch der Halde Grühlingshöhe führt uns aus der eher beschaulichen Stille des Fischbachtales, durch den ansteigenden Wald bis an das lärmende Band der Autobahn „ Grühlingsstraße“. Ein hoher lichter Buchenwald mit wenig Unterholz ermöglicht eine Wanderung abseits der Waldwege. Je näher wir der Autobahn kommen, umso mehr finden wir einen umgeackerten Waldboden vor. Kaum ein Bereich, der hier nicht von Wildschweinen durchwühlt worden wäre. In unmittelbarer Nähe der vielbefahrenen Straße werden sie von Fußgängern kaum gestört. Mit uns haben sie auch nicht gerechnet. Und so springt schon bald ein erschreckter Schwarzkittel mit protestierendem Gegrunze vor uns auf und macht sich davon.
Hie und da sehen wir aus dem verrotteten Blattwerk herausragend, verrostetes Rohrwerk, das wohl ursprünglich zur Halde führte. Betonreste eines gesprengten Bunkers liegen fremd und zeugen hier zwischen jungen Buchenstämmchen von anderen Zeiten. Nahe der Straße sammelt sich Abfall, von unbelehrbaren Zeitgenossen während der Fahrt entsorgt. Dann öffnet sich der Wald und gibt den Blick frei auf eine breite Schneise. Durch sie zieht sich eine Stromtrasse, überquert die "Grühlingsstraße" und windet sich durch den Saarkohlenwald. Sie verschwindet schließlich nordwestlich am Horizont.
Vor uns liegt nun die Halde Grühlingshöhe. Ein Spitzkegel, auf dieser Seite von Birken bewachsen. Zwei hölzerne Pfosten markieren den Aufstieg. Schon nach wenigen Metern finden wir eine im Hang eingelassene steinerne Schwelle mit eingraviertem Text. Weitere werden folgen. Sie bilden den „literarischen Aufstieg“. Kryptisch kommen die Zeilen daher und zwischen den Eindrücken des Aufstiegs, den ersten Blicken über die Baumkronen, lässt sich kein rechter Zusammenhang zu den nur mühsam lesbaren Worten erstellen. Erschwert wird dies, da die stufenförmig eingelegten Schwellen teilweise schon mit Erde bedeckt sind. Erst Zuhause machen wir uns schlau über Inhalt und Verfasser. - In diesem Fall ist es eine Verfasserin. Bei der österreichischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat man sich geliehen, was manchem untrainierten, womöglich unter Sauerstoffentzug leidenden Zeitgenossen während des Hinaufstrebens zur intellektuellen Labsal hinter seiner geröteten und schweißnassen Stirn gereichen soll.
Links: "Literaturschwelle" mit einem Textfragment von Elfriede Jelinek
"Im Gebirge, wo die Beschaulichkeit leicht von Blitzen zerrissen werden kann, diesen vorübergehenden Schrecken, die im Grunde wenig hervorbringen, aber viel kaputtmachen, im Gebirge sind ein paar Menschen verschwunden. Dafür sind andere wiedergekommen". Aus: Die Kinder der Toten von Elfriede Jelinek
Uns ist nicht nach Schwitzen. Die Temperaturen liegen jetzt im Januar im Minusbereich und wir sind eher grönlandfahrermäßig gekleidet unterwegs. Doch wir freuen uns, oben angelangt, über gänzlich ungewohnte Perspektiven auf die umgebende Landschaft. Auch hier krönt wieder ein Gipfelkreuz das abgeflachte Plateau der Halde. Auf der südöstlichen Seite hat man dem freien Blick zuliebe die Birkenstämme drastisch gestutzt. Eine gute Maßnahme, denn diese ermöglicht dem Besucher ein ungetrübtes Schauen in alle Himmelsrichtungen. In die nicht bewachsenen Haldenhänge haben sich im Laufe der Jahre tiefe Erosionsgräben eingefräßt. Beim Blick von unten erinnert der aufgeschüttete Berg deshalb an einen Vulkankegel oder jetzt mit dem winterlichen Schneebesatz, an einen zuckerglasierten Gugelhupf. An seinem Fuß haben sich kleine Tümpel gebildet. In malerischer Erstarrung stehen Birken und verdorrte Gräser des Vorjahres darin, spiegeln sich im Eis und im Licht des sich neigenden Tages. Derweil die Sonne dem Horizont entgegen sinkt, illuminiert sich auch das rauschende Band des fließenden Verkehrs. Letzte Strahlen treffen die aufsteigenden Dampfwolken des Kraftwerks Weiher. Ein scharfer Ostwind, der die Augen tränen lässt, treibt sie, lange Schatten werfend, über den vor uns liegenden Saarkohlenwald.
Geschichte Die Halde Grühlingshöhe gehörte zur Grube Jägersfreude. Bei einer 1718 angelegten Schmelze begann man 1856 einen ersten von später insgesamt drei Schächten abzuteufen. Die Grube wurde 1968 geschlossen. Nachdem die Stadt Saarbrücken im Jahr 2010 einen Großteil der Tagesanlagen des Bergwerkes abreißen ließ, sieht man dort heute nur noch das unter Denkmalschutz stehende Zechen-, sowie das von SAARMontan genutzte Pförtner- und Kantinengebäude. Die Halde wurde von 1957 bis 1968 genutzt. Das taube Gestein brachte ein Schrägaufzug über die Grühling-Straße zur Halde. Ein Teil des aufgeschütteten Materials nutzte man später, um die Schächte wieder aufzufüllen.
Informationen Die Halde Grühlingshöhe gehört im Rahmen des Regionalparks Saar zum Haldenrundweg. Sie ist über die umgebenden Waldwege gut zugänglich. Parkmöglichkeiten gibt es in der Camphausener Straße bei der Saarlandhalle. Gegenüber gibt es einen aufsteigenden Waldweg auf dem Sie direkt zur Halde gelangen. Schöne Waldwege führen auch von der Fischbachstraße (L 127) zur Halde.