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DazwischenLand, 20. September 2008
von Armin Schmitt Der Eichelhäher fliegt auf, gefolgt von einer ganzen Gruppe von Sperlingen, die sich im Niemandsland der stillgelegten Grube ungestört fühlen. Ein Gartenrotschwanz wippt aufgeregt im Fenster der alten Schachthalle, deren Glas schon lange zerborsten ist, weiß einen Moment nicht wohin, bevor auch er die Flucht vor den beiden Eindringlingen antritt. Seit dem Frühherbst fallen in den Abendstunden, so hatte man uns eben erzählt, die Krähen ein, um ihre Schlafplätze auf den Fördergerüsten einzunehmen. Diese schwarzen Vögel, die auch die Städte langsam erobern, scheinen einen Sinn für das Schöne und Ausgefallene zu haben. Im Inneren der Schachthalle haben sich im Betonstaub die ersten Moose und Flechten angesiedelt und die schon tief stehende Sonne taucht die hohe Konstruktion aus Stahl, Beton und Glas in ein zauberhaftes Licht und bereitet so dem langsamen Zerfall eine wunderbare Feierstunde. Alles ist still, kein ohrenbetäubendes Getöse mehr von heranrollender Kohle, von Laufbändern und dem Brechen der großen Kohlebrocken ... Die Maschinen und Förderbänder sind längst zerstört, ihre Funktion und die Arbeitsabläufe nur noch erahnbar. Wir fragen uns nach Möglichkeiten neuer Nutzung, lassen uns bald aber wieder gefangen nehmen von der Aura des Ortes, von dem schemenhaften Grün, das vor den Milchglasfenster sein sanftes Spiel im Wind treibt. Dort, wo die Glasscheiben zersplittert sind, sucht es wuchernd auch schon den Weg ins Innere. Schnell nimmt sich die Natur wieder alles zurück, wenn die Menschen den Rücken kehren.
Oben auf der Halde überraschen später Brombeeren und Hagebutten, wilde Kamille und allerlei Blüten, deren Namen wir nicht kennen. Selbst ein Feigenbaum wächst am Hang. Das Bergamt hat vor einiger Zeit gesunde samenhaltige Erde anfahren lassen. So kann es durchaus vorkommen, dass auch Tomaten auf der Halde gedeihen. Auch die Fauna ist auf dem Vormarsch: Als wir nach steilem Aufstieg die obere Plattform der Halde erreichen, blicken wir in üppiges Gebüsch, in dem gerade ein Reh verschwindet. Von einer Sau wird uns von Spaziergängern erzählt, die fünfzehn Frischlinge geworfen habe und die sich auf der Halde wohl fühle. Auch armlange Schlangen seien schon gesichtet worden, Grillen zirpen … die Halde auf dem Weg, ein kleines Paradies zu werden. Ein Witzbold soll sogar versuchsweise einen ausgewachsenen Karpfen auf einem Haldenteich ausgesetzt haben. Bevor er spurlos verschwand - man weiß nicht wie und wohin -, sei es ihm sichtlich gut gegangen. Eine erste kleine Haldensensation. Der Haldenspaziergang entpuppt sich schnell als kleines Abenteuer für Aug und Ohr. Es müsste nur hier und dort noch etwas nachgeholfen werden. Schon stehen sie vor dem Auge: eine kleine Liegewiese nach Westen mit sanftem Gras, auf dem wir beim Kommen im nächsten Jahr ausruhen und in den Himmel schauen könnten, einige versteckte Liebeslauben, dazu Rosen und wieder Rosen und ein schöner Kiosk oben auf dem Gipfel, wo man sich am Sonntag und in den lauen Sommerabenden stärken kann, und ab und an eine Bank zur Rast und Augenweide.
Wir müssen stehen im "Garten Reden": Drüben in der Sonne leuchtet das Weiß des Fördergerüstes von Göttelborn, nach Norden, gerade noch dem Auge erkennbar, der Turm auf dem Schaumberg … Schön wäre es, wenn in den Abendstunden an diesen exponierten Punkten ein Feuer brennt, das die Landmarken erhellt und in Beziehung setzt. Wenn wir nach unten schauen, blicken wir auf die Reste der alten Redener Grube. Einige Gebäude sind schon hergerichtet für neue Nutzung, andere aus der vorletzten Jahrhundertwende sind eingerüstet oder warten auf eine Sanierung. Ihre Rundbogenfester und das Wechselspiel von Sandstein und Ziegeln machen sie zu den schönsten der Anlage. Christoph erzählt, dass sein Elternhaus gleich neben den Tagesanlagen stand, dass es aber längst abgerissen sei. Dort, wo seine Schule stand, sei jetzt ein Parkplatz, und dort, wo er in den Kindergarten gegangen sei, sei jetzt auch ein Parkplatz. So schnell versinken Zeiten, Orte, Erinnerungen.
Weitere Parkplätze sind inzwischen angelegt, für Busse, für Hunderte von Autos. Die alte Grube wartet auf die kommenden Events. Heute ist es aber noch still dort unten, die Parkflächen sind nur ein großes Versprechen. Bis auf eine kleine Gruppe von Spaziergängern und den Typ vom Sicherheitsdienst haben wir niemanden angetroffen. Er hat uns darauf hingewiesen, dass wir uns auf Privatgelände bewegten und keine Fotos machen dürften. Das hatten wir auch gar nicht vor – nicht von den beiden Hallen, die er bewacht, langweilige Fertigteile, Architekturschachteln, wie sie tausendfach die Vorstädte und die Dorfränder verschandeln.
Wir freuen uns über die Stille, nur unterbrochen von dem Wind, der durch die Büsche streift und von den Grillen, die sich von der Sonne noch einmal anspornen lassen. Heute ist Samstag und es wird nicht gearbeitet. Gondwanaland muss warten. Wir haben ein besseres Abenteuer.
© Copyright der Bilder zu diesem Artikel bei Christoph M Frisch 2009 Video über die Schachthalle der ehemaligen Grube Reden
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