Deutschland Karte

made with love from Joomla.it

Spurensuche_Intro2

 

SPURENSUCHE
von Armin Schmitt


I. Kindheitserinnerungen

Schmelz ist der einzige Ort der Gegend, der mit seinem Namen auf die Eisenverhüttung hinweist. Auch das Wappen erinnert an die vorindustrielle und industrielle Vergangenheit. Im Heimatkundeunterricht der Volksschule machten wir auf dem Umweg über die Heraldik erste Erkundungen der Industriekultur, pausten das Wappen durch, indem wir leicht transparentes Butterbrotpapier auf eine Vorlage mit dem Wappen legten und dann die Konturen fein säuberlich mit einem Bleistift nachzeichneten, anschließend das Transparentpapier auf ein weißes Blatt legten und mit dem Bleistift, unter einem gewissen Druck, wiederum den Konturen nachfuhren, sodass sich die Linien auf dem weißen Blatt abbildeten. Anschließend mussten dann die entsprechenden Linien und Formen nachgezeichnet und ausgemalt werden: silberfarben der Hintergrund, rotgeschuppt das Kreuz im Wappenschild, ein Zitat des Familienwappens de Lenoncourt, braun der aus Steinen gemauerte Hochofen, rot das aus der oberen Öffnung herauszüngelnde Feuer und rot auch der Abstich des geschmolzenen Eisens, das sich über ein grünes Fundament ergoss. Grün wohl deshalb, weil eine Wiese oder etwas Ähnliches angedeutet werden sollte. Mein Eifer im Abmalen wurde gelobt. Ich war stolz auf meine gelungene Kopie. Wir erfuhren auch, dass der Name „Schmelz“ auf die Eisenverhüttung anspiele, die vor langer Zeit hier stattgefunden habe und von der keine Spuren mehr vorhanden seien, wenn man einmal absehen von den Köhlergruben im Wald und den Mauerresten auf dem Gelände eines Holzhändlers, der später, so lernten wir, das Gelände ersteigert habe, aber das sei nicht zugänglich und auch sicher völlig uninteressant. Einige Tage später machten wir zur praktischen Untermauerung der reinen Theorie eine kleine Orterkundung im Wald, suchten nach den Köhlergruben, fanden auch tatsächlich die kuhlenartigen Vertiefungen im Waldboden, mit denen wir allerdings nicht viel anzufangen wussten. Die Industrie war längst anderswo. Die Großväter fuhren hin, der eine, Peter, zur Grube Maybach, der andere, Alois, zur Dillinger Hütte. Der eine war Bergmann unter Tage, der andere Walzer. Sie waren oft lange unterwegs zur Arbeit, erfuhr ich. Gottlob gab es schon den Eisenbahnanschluss, sonst wären sie wohl gar nicht unter der Woche nach Hause gekommen, hätten im Schlafhaus übernachten müssen. Durch den Eisenbahnanschluss hatten es meine Großväter hatten es da schon besser, denn sie konnten im Zug sogar schlafen, wenn sie in aller Frühe zu Frühschicht fuhren oder wenn sie morgens nach der Nachtschicht oder abends spät nach der Mittagsschicht erschöpft nach Hause kamen, in ihren Hin-und-Herkleidern, einer abgetragenen Hose mit angedeuteten Falten und einer alte Jacke, unterm Arm eine Art Aktentasche, in der sich die leere Thermoskanne mit Kaffee befand, manchmal auch ein Flachmann, ganz selten ein „Hasenbrot“, das sie mir mitbrachten. Hasenbrote waren damals die besten Brote der Welt. Hasenbrote hießen sie, so reimte ich mir zusammen, weil sie wohl ein Hase vorbeibrachte. In Wirklichkeit waren es die Brote, die zu essen die Großväter keine Zeit hatten. Oder sie hatten keinen Appetit, was bei der vielen Arbeit auch vorkommen konnte. Hasenbrote waren überreif, hatten den ganzen Tag in dem feuchtwarmen Klima der Tasche genug Zeit, ihr Aroma zu entfalten. Sie waren einfach köstlich.
Meine Großväter haben mir gut gefallen. Mein Opa Peter, der Bergmann, war immer sehr schlank. Er Mein-Grossvater-der-Bergmanmuss wohl sehr viel arbeiten, dachte ich. Auch muss er sich oft bücken, um Kohle aufzuheben, wobei Fett nur im Wege ist. Ein Bild hat sich mir fest eingeprägt: Ein großer Mann mit ausgemergeltem Körper steht vor der Haustür seines kleinen Hauses und füllt, so habe ich es in Erinnerung, den ganzen Türrahmen aus. Er trägt eine dunkle ausgebeulte Hose und seine abgetragenen Hin- und Her-Jacke und einen alten Hut mit Krempe. Eigentlich sieht er recht elegant aus. Er raucht eine Zigarette. Selbstgedrehte. Batavia oder Landewyck Silber heißt das Kraut - ich habe ihm den Drehtabak, wenn ich bei den Großeltern in den Ferien war, manchmal gekauft. Er raucht sie immer bis zum Ende.
Nichts darf übrig bleiben vom kostbaren Tabak. „Herzhaft-würzig“ steht auf der Packung. Die Finger, die die Zigarette halten, sind gelb vom Nikotin. Das hat mich immer fasziniert. Heute weiß ich, wie gefährlich das Rauchen für ihn war. Seine Lunge war schon zerfressen von der Silikose. Er starb ein Jahr nach der Pensionierung an Lungenkrebs. Dabei hätte er schon viel früher sterben können, damals bei einem Grubenunglück auf der Maybach. Davon erzählte mir oft die Großmutter. Im Nordmenderadio, das über einer Kommode in der Wohnküche auf einem Regal stand, seien die Meldungen von der Schlagwetterexplosion aus der Grube Maybach verbreitet worden. Verzweifelt sei sie gewesen, hätte sie doch gewusst, dass zu diesem Zeitpunkt, auch „ihr Peter“ noch in der Grube sein musste. Mit dem Schlimmsten hätte sie rechnen müssen. Was wäre ihr in einer Zeit ohne Telefon und ohne Auto denn anderes möglich, als zu warten, immer nur zu warten. Das könne wahnsinnig machen. Die Minuten seien zu Stunden, Stunden zu Tagen geworden. Sie wäre immer wieder auf die Haustür – sie sagte immer „auf die Haustür“ - und hätte dort gewartet, weil sie es im Haus nicht mehr ausgehalten hätte. Bis zur Kreuzung sei sie gegangen, weil sie von dort einen besseren, weil weiteren Blick das Dorf hinunter gehabt hätte. Aber kein Peter sei gekommen, kein Peter. Auch andere Männer seien nicht gekommen. Andere Frauen hätten natürlich auch auf ihre Männer gewartet. Was sei denn anders übrig geblieben, als sich schließlich ins Gebet zu flüchten? Sie wisse gar nicht mehr, wie viele Rosenkränze sie gebeten habe … Immer wieder die Nachrichten im Radio: Inzwischen sei auch schon von Toten, von verzweifelten Rettungsaktionen die Rede gewesen. Sie wisse gar nicht mehr zu sagen, wie viel Zeit vergangen sei, jedenfalls hätte es schon gedämmert, als plötzlich, so erzählte sie uns immer wieder, die Tür aufgegangen sei – man muss nämlich wissen, dass die Haustür in diesen Zeiten nur in der Nacht verschlossen wurde - und Peter, ihr Peter, in der Tür gestanden habe. „Un“, so fügte sie schließlich dazu, wobei sie noch Jahrzehnte später erschrockene Augen machte, „eich hann gegleiwt, ett wär an Geischt.“ Mein Großvater hatte, so erfuhr sie, gerade die Grube verlassen, als das Unglück geschah. Der Hut meines Großvater lag übrigens die vielen Jahre ihres Witwendasein immer auf der Hutablage im Flur, um Fremden, Hausierern, die es damals noch häufig gab, und anderen ungebetenen Gästen zu zeigen, dass ein Mann im Haus sei, der jederzeit, sollten sie sich nicht abwimmeln lassen, zu Hilfe gerufen werden könnte.

 

Arbeiter-Dillinger-HuetteAlois, der andere Großvater war wesentlich kräftiger als Opa Peter, ja, man könnte sogar behaupten, er war beleibt. Ich hielt ihn als Kind für sehr stark. Für mich war es selbstverständlich, dass er so dick sein musste, denn er war Walzer „in der Hütt“ und hatte dickes Eisen zu walzen. Dafür brauchte er eine Menge Muskeln, war doch klar. Auch er rauchte, hatte eine schwarze Lunge und ein wohl von der Arbeit krankes Herz. Auch er starb früh, mit 65. Alle Männer waren fertig mit 65, reif für den Tod, abgearbeitet, krank und müde, jedenfalls die Männer meiner Familie. Auch mein Vater. Und ich?

 
Dabei hatte es mein Vater schon ein wenig besser. Hat ihm wohl nichts genützt. Nach dem Krieg machte er eine Lehre bei der Saarbergtechnik. „Saarbergtechnik“, das klang schon nach was. Nach mehr. Er wurde Dreher. Auch so ein Wort, unter dem ich mir so recht nichts vorstellen konnte. Ich sollte es dann entschieden besser haben, kein Arbeiter mehr sein, studieren, Geld verdienen, keinen Blaumann mehr anziehen müssen, sondern ein weißes Hemd mit sauberem Kragen und einen Anzug. Mein Vater fuhr schon mit dem Bus. Das brachte einen hohen Zeitgewinn und wenn der Busfahrer gut gelaunt war, ließ er ihn sogar vor der Haustür aussteigen. Wenn er Frühschicht hatte, warteten wir mit dem Mittagessen, bis er zurückkam, so gegen halb vier. Es war schön, gemeinsam mit Papa zu essen. Meist war er sehr müde. Er musste nach dem Essen schlafen, denn er war ja schon um vier aufgestanden, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Danach arbeitete er weiter. Es gab immer etwas zu tun, am Haus oder anderswo. Er hatte eine riesige Werkstatt.

Trotz allem blieb die Welt der Arbeit im Verborgenen. Man redete nicht gerne über sie. Warum weiß ich nicht. Vielleicht, weil sie so schwer war und so sehr bedrückte, die Männer im Laufe der Zeit krank machte. In Schmelz fingen die Wälder an, begann der Hochwald, hinter dem Dorf dehnte sich weites Hügelland aus, das im Frühjahr und Sommer voller Lerchen war. Ein Stück Heimat. Da rauchten keine Schlote, da ratterten keine Maschinen, da rieselte es weder Staub noch Ruß. Zum Einkaufen fuhren wir ins bischöfliche Trier. Dort gab es auch Kultur: den Dom, die Konstantinbasilika, die Themen, die alte Porta Nigra. Mit der Großmutter ging es sogar bis in den weit entfernten Zoo nach Frankfurt. Saarbrücken, das war der „Holzkopp“, wo man sein Geld versoff, das war die „Kappengass“, wo man Damen traf. Als Kinder konnten wir uns darunter nichts Rechtes vorstellen, aber, dass die Kappengass irgendetwas mit Sünde, mit „Unschamhaftigem“ zu tun hatte, war uns schon klar. Saarbrücken war Sündebabel, Trier die Stadt des Heiligen Rocks. Trier war der Heilsweg. Dort unten, in der Nähe des Sündenbabels, dort waren auch die Gruben und Hütten. Irgendwo hinter den Bergen musste dieses düstere Land liegen, in das der Vater, davor die Großväter täglich ausrückten und aus dem sie immer gebückter zurückkehrten. Es musste ein verbotenes Land sein, über das man auch nicht viel sprechen durfte, möglicherweise, weil es einen sonst für immer behält. Warum also in dieses Land fahren, das die Kraft nimmt und vielleicht sogar das Leben?

Erst viele Jahre später lernte ich dieses Land kennen, als sich schon viele Förderräder nicht mehr drehten, als viele Schlote nicht mehr rauchten, als Völklingen schon nicht mehr die schmutzigste aller schmutzigen Städte in Deutschland war, als man anfing über die Bedeutung der stillgelegten Gruben und Hütten zu diskutieren, als man erkannte, dass sie, die Gruben und Hütten, Zeugnisse einer untergehenden Zeit sind. Erst jetzt eroberte ich mir die Welt des Vaters und der Großväter. Es begann eine Entdeckungsreise, die so etwas war wie nachgetragene Liebe, die Entdeckung des Lebens, über das die Großväter und der Vater nicht so gerne sprachen. Sie wurde zu einer späten Verbeugung vor ihnen.

Schmelz hieß lange nicht Schmelz. Schmelz wurde erst Schmelz durch die Gebietsreform der National- sozialisten 1938. Davor gab es Bettingen und Außen, zwei Dörfer, getrennt durch die Prims und durch feindlichen Händel, wenn man den Geschichten der Eltern glaubt. Bettingen war älter und insofern auch wichtiger, dort befand sich das Rathaus und nach Bettingen war auch die Eisenhütte genannt, obwohl sie jenseits der Prims lag, also eigentlich in Außen. Ein Hofgut der Tholeyer Mönche stand am Beginn der Dorfentwicklung. Bettingen wurde ein ansehnliches Dorf, interessant für viele. Eines Tages seien fahrende Leute, Zigeuner, ins Dorf gekommen. Nach langem Herumziehens seien sie des Wanderns müde gewesen und hätten um die Erlaubnis gebeten, hier sesshaft werden zu dürfen. Die Bettinger Bauern berieten. Man sah die Fremden nicht gerne im Dorf, wollte sie aber auch nicht wegschicken. So erlaubte man ihnen, sich außerhalb der alten Dorfgemarkung anzusiedeln, am Himmelsberg. Das Gelände war steil, das Land gab nicht viel her. Die Leute, die sich am Himmelsberg ansiedelten, waren fortan die „Außener“, die, die außerhalb der alten Gemarkung siedelten. So entstand Außen. Und es war immer Teil meines eigenen Herkunftsmythos, nicht in Bettingen geboren zu sein, sondern in einem kleinen, vermutlich frühen Prämienhaus, und vom „Zigeunerpack“ abzustammen. „Zigeunerpack“ war für mich nie ein Schimpfwort, sondern eine Auszeichnung. (nächste Seite)
 
made with love from Joomla.it