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Peenemünde, Historisches Dokumentationszentrum im ehemaligen Kraftwerk

Sonntagsfahrt ins Niemandsland von Armin Schmitt, Januar 2009
Kant (1724-1804) „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt. Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“
Aufgelesen auf einer Tafel vor dem Historisch-Technischen Informationszentrum im ehemaligen Kraftwerk Peenemünde
An einem Sonntagmorgen unterwegs mit der Usedomer Bäderbahn Richtung Westen. Sie verbindet die Küstenorte und Seebäder zwischen dem polnischen Swinemünde und dem deutschen Peenemünde an der westlichen Nordspitze der Insel Udedom. Regelt den kleinen Grenzverkehr zwischen Polen und Deutschland. Fährt man mit ihr nach Osten, erinnert nur noch eine Waldschneise an die alte Grenze aus Stacheldraht, Zäunen und Verbotsschildern. Und nur die etwas weniger herausgeputzten Häuser, die zunehmende Zahl der Bausünden, die nicht mehr lesbaren Schilder und das zunehmend im Zug gesprochene Polnisch vermitteln dem Reisenden, dass er in Polen ist. Auch als Spaziergänger am Meer, beispielsweise aus Ahlbeck kommend, wird er nicht mehr zur Umkehr gezwungen, sondern er kann durch den eisigen Wind und seinen Schatten vor sich hertreibend bis hinüber zum Swinemünder Hafenbecken laufen, wo der mächtige Leuchtturm steht, dessen Nebelhorn in den letzten Nebelnächten weithin zu hören war, um den Fähr- und Frachtschiffen den Weg durch das flache Ostseewasser in den Hafen zu weisen. Er hat vielleicht sogar den Eindruck, dass sich die Ostseeschwäne in diesem Winter bevorzugt im ehemaligen Grenzgebiet versammeln, als gälte es die alte Grenzwunde durch ihr Sein zu heilen und vergessen zu machen. Auch die Fußgänger, die Touristen und Kurgäste aus den Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, haben nun leichteres Spiel. Sie müssen an der Grenze keine Wartezeiten mehr in Kauf nehmen, wenn sie „rüber“ zum Polenmarkt wollen, wenn sie, wie in Ostblockzeiten, auch heute noch glauben, dort ein Schnäppchen machen zu können… Die Reise geht an diesem Morgen in eine andere Richtung. Ziel ist ein kleines Pendant der mächtigen Swine, das kleine Flüsschen Peene, an dessen Mündung Pennemünde entstand. Zu Beginn des 20. Jh. befand sich hier noch eine vergessene Wald-, Fischer- und Küstenidylle. An diesem kalten Wintermorgen eine Reise wie ans Ende der Welt. Eine Idylle ist dieser abgelegene Winkel schon seit 1936 nicht mehr, denn damals entstand in dem bewaldeten und militärisch unverdächtigen Teil der Insel das größte militärische Forschungs- und Entwicklungszentrum der Nationalsozialisten, damals vermutlich das größte Technikzentrum weltweit. Am 3. Oktober 1942 erfolgte hier der erstmalige Start einer mit Flüssigsprengstoff betriebenen Rakete. Sie war 13 Tonnen schwer, 14 Meter lang und stieg fast 90 Kilometer in die Höhe, bevor sie über der Ostsee abstürzte und in den Fluten versank. Sie trug den Codenamen „Aggregat 4“. Zynisch bezeichnete Goebbels sie als die „Wunder- und Vergeltungswaffe 2“, mit deren Hilfe der eigentlich schon verlorene Krieg nochmals gewendet werden sollte. Den Krieg konnte die V 2 nicht wenden, doch zerstörten die Raketen Städte in Belgien, England und Frankreich.
Das, was in den Forschungslaboratorien von Peenemünde zu militärisch-strategischen Zwecken ersonnen werden sollte, wurde nach dem Krieg zum Ausgangspunkt der friedlichen Raumfahrt, sofern überhaupt von einer „friedlichen“ Raumfahrt gesprochen werden kann, denn militärische, machtpolitische und ökonomische Aspekte waren und sind ihre eigentlichen Motive. Heute geht es vor allem um die Ressourcen der Zukunft. Wie dem auch sei, die Technik zeigt hier wieder einmal ihre janusköpfige Fratze. Das zerstörerische Potential, das der Industrialisierung und Technisierung innewohnt, kann hier besichtigt werden. Die Industrialisierung hat auch dem Krieg neue Dimensionen gegeben, vor allem im ersten und zweiten Weltkrieg. Sie hat auch die Möglichkeiten hervorgebracht, diesen Planenten unbewohnbar zu machen. Peenemünde ist eine Etappe dieser Entwicklung… Ich bin hier, um zu sehen, was der Ort 64 Jahre danach davon noch preisgibt.
Die Bäderbahn hält an allen ´Unterwegsbahnhöfen’, wie sie im Amtsdeutsch heißen. Nur selten steigt jemand ein oder aus. Gähnende Sonntagsleere. Eine Stimme vom Band wünscht aus den Lautsprechern computergeneriert und warmherzig „Gute Reise“, kündigt ab und an die herannahenden Bahnhöfe an, damit die Reisenden ihren Ausstieg nicht verpassen: Seebad Heringsdorf, Seebad Bansin, Ückeritz, Stubbenfelde, Kölpinsee, Koserow, Zempin und Zinnowitz, der Umsteigebahnhof, dann weiter über Trassenheide und Karlshagen. Die Dörfer ziehen vorüber, Schleckerläden, Aldi, Langeweile, dann aber auch Kiefer- und Birkenwäldchen, gefrorenes Achterwasser oder kleine Seen, flaches Weideland, durchzogen von Wassergräben, aus denen die Kälte dampft. Rietgedeckte Häuser gibt es nur noch wenige oder vielleicht auch wieder. Die großflächige Werbung jedenfalls preist die Rieteindeckung – „langlebig-ökologisch-schön“. Ab Zinnowitz ist der Zug fast leer. Eine ältere Dame aus Greifswald sitzt noch im Großraumwagen. Sie sei unterwegs zu einer Küstenwanderung. Oberhalb von Karlshagen sei die Küste am schönsten und ursprünglichsten. Da solle er auch einmal hin. Nein, die Kälte störe sie nicht, lediglich die Menschen und die blieben bei dieser Hundekälte in der Regel zu Hause… Hinter Karlshagen sitze ich dann allein im Zug. Noch ist es gemütlich, auch wenn der Zug schon durch das ehemalige Sperrgebiet fährt. Hier bei Karlshagen befanden sich die umfangreichen Wohnsiedlungen für die Techniker, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Pennemünde ist Endstation. Kein Bahnhof, kein Mensch weit und breit. Häuserruinen, Bauzäune, zwei-dreihunder Meter entfernt ein ruinöser Backsteinbau, wohl noch ein Überbleibsel der Versuchsanstalt. Auf dem Plan identifiziere ich das Gebäude als Altes Sauerstoffwerk, eines der wenigen erhaltenen Gebäude, mit dem man wohl noch nicht so recht weiß, was man damit anfangen soll. Drumherum einige neuere Gebäude, Plattenbauten und einige kleinere Wohngebäude – das neue Peenemünde. Wer hier lebt, braucht starke Nerven und eine unempfindliche Seele. Das alte Dorf der Peenemünder Bauern und Fischer wurde damals platt gemacht, musste den umfangreichen Anlagen weichen. Gegenüber den Gleisanlagen reihen sich zweigeschossige Gebäude aus der Nachkriegszeit, die Türen vernagelt, das Fensterglas zersplittert. Später lese ich, dass hier Soldaten der NVA und nach der „Vereinigung“ solche der Bundeswehr untergebracht waren. Nicht alles scheint glatt zu laufen nach dem Abzug des Militärs: Der Bürgermeister weist auf einer Tafel entschuldigend darauf hin, dass für den desolaten Zustand der Gebäude nicht die Gemeinde verantwortlich sei, sondern ein privater Eigentümer. Die militärische Episode in Peenemünde scheint endgültig vorbei.
Peenemünde ist auf den ersten Blick wieder im Schlaf versunken. Doch nur scheinbar, denn es liegt inmitten einer umfangreichen Denkmal-Landschaft, die ein individuell erfahrbaren Weg über eine Gesamtstrecke von 22 Kilometer erschließt. Den Kern der Gedächtnislandschaft bildet die ehemalige Bunkerwarte und das mächtige Kraftwerk mit einem Informationszentrum. Er führt u. a. zum Sauerstoffwerk, dem Flugplatz, der ab und an noch von Privatjets benutzt wird, und dem KZ-Arbeitslager in Karlshagen I, den Bunkeranlagen in den Peenewiesen und dem Ehrenmal in Karlshagen.
Durch die klirrende Kälte gehe ich nach der Ankunft zunächst auf das alte Kraftwerk zu, das auch nach dem Krieg noch lange zur regionalen Stromversorgung genutzt wurde. Der funktionale, bauhausorientierte Backsteinbau, der in der Wintersonne rot aufglüht, enthält heute ein bemerkenswertes Dokumentationszentrum und gilt als das wichtigste Industriedenkmal Mecklenburg-Vorpommerns. Doch Idylle und wuchtige Industriearchitektur liegen nahe zusammen. Zunächst überrascht eine alte Kapelle auf einem eingefriedeten Friedhof den Besucher. Kam sie nach dem Krieg hierher? Kaum zu glauben, dass sie irgendwie der Heeresversuchsanstalt getrotzt haben könnte. Es handelt sich tatsächlich um die alte Friedhofskapelle von Peenemünde, wie auf einem windschiefen Informationsschild zu lesen ist. Es muss einen neuen Friedhof geben: nur alte Grabsteine, überwuchert von Bäumen: schöne Stillleben für namenlose Tote. In den späten 60er Jahren dann zufällig der Fund eines Massengrabes. Einige der Toten wiesen Einschusslöcher im Schädel auf. KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter, verscharrt auf einem Friedhof? Vielleicht. Ich gehe, allein schon wegen der Kälte, auf schnellstem Weg Richtung Kraftwerk, um ins Historisch-Technische Informationszentrum zu gelangen, vorbei an einigen geschlossenen Pförtnerhäuser, rietgedeckt, in denen man Souvenirs erstehen kann. An diesem Sonntag sind sie alle geschlossen. Nur eine große Garage ist geöffnet, bietet Pennemünde-Devotionalien, Souvenirs, CDs zur Geschichte und vermutlich Militaria aller Art. Keine Kundschaft auch hier. Das ausgediente U-Boot wird nicht gestürmt und die beiden Kriegsschiffe im gefrorenen Hafenbecken blieben unbeachtet, wenn sich schließlich nicht doch jemand erbarmte und ein Foto schösse von dieser traurigen Szene. Um langgestreckte Baracken mit verrammelten Türen und Fenstern streift nicht mal ein Hund. „Betreten verboten. Lebensgefahr“, warnt ein Schild. Nur das hohe, winterdürre Gras raschelt manchmal im Wind. Gebäudekomplexe aus jüngerer Zeit verkünden marktschreierisch ihre Events: PHÄNOMENTA Peenemünde im ehemaligen Offizierscasino der NVA verspricht 250 Experimente für Jung und Alt und „Abenteuer in der Bordkajüte“ für die Kleinen. Ein Spielzeugmuseum lockt in Kinder- und Märchenwelten. In der Saison muss einiges los sein: Rummel, buntes Jahrmarktstreiben, der tragischen, ambivalenten Geschichte des Ortes nicht ganz angemessen. Aber Peenemünde will weiterleben, verständlich. Umso besser, an einem so stillen Tag hier zu sein, wo die Melancholie des Ortes zu spüren ist, seine Wunden, die Strukturkrise nach dem Abzug der Soldaten, der fehlende Masterplan für einen wirklichen Neuanfang. Diese gespenstische Leere hier werden auch die Massen ... (weiter auf der nächsten Seite)
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