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Eine Kindheit hinter dem Schornstein

von Karin Grüneich, Dezember 2009

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 Zwiespältig denke ich an meine Kindheit im Raum zwischen Burbacher Hütte, Grube Luisenthal und dem Eisenbahnausbesserungswerk zurück. Sie war grün, abseits, ohne Kindergarten, und ich verträumt und oft allein in einem großen Garten ohne Kinder. Und doch registrierte ich schon früh, wo ich lebte.

Kind_Schubkarren Meine Mutter liebte es, weiße Wäsche draußen an der Luft flattern zu lassen. Nur wenn der Wind ungünstig kam, klagte sie über den Ruß, der schon wieder schwarze Spuren darauf hinterlassen hatte. Obwohl die Hütte ein paar Kilometer weit entfernt war, zogen ihre dunklen Schwaden manchmal über uns hinweg. Das Bild von rauchenden Schloten in der Ferne hat sich mir tief eingeprägt.

 Ich erinnere mich auch an die Männer, die in der Nähe auf dem Grundstück einer Baufirma in einfachen Baracken wohnten. Sie sahen ähnlich aus wie ich. Meine schwarzen Haare und die dunklere Haut sind damals immer aufgefallen. In der Schule riefen sie später manchmal „Mokksche“ nach mir, genauso wie nach den Männern in den Baracken.

 Die Männer lachten immer freundlich. Ich hätte ihre Tochter sein können. Ihre eigene Familie war weit weg. Dass ich allein durch die Wiesen und Felder um die Baracken schlich, sahen meine Eltern gar nicht gern. Die Männer waren nicht einzuschätzen, fremd halt und allein. Für mich waren sie interessant, geheimnisvoll, aus einer anderen Welt. Die meisten kamen aus Italien. Gastarbeiter. Zu dieser Zeit war ich vielleicht fünf, sechs Jahre alt.
Die kleine Karin. Der Schubkarren wurde extra
für mich gebaut, damit ich mithelfen
konnte bei
der Arbeit im Garten.

In die Schule gegangen bin ich mit den Kindern der Hüttenarbeiter und der Bergleute aber auch mit den Kindern aus der „Kolonie“. Dort lebten die Eisenbahner, die im benachbarten Ausbesserungswerk ihrer Arbeit nachgingen. Auch Kinder aus zwei sozialen Brennpunkten gingen in meine Schule: Fennersträßler und Matzenberger. Die waren gefährlich. Die hatten keine Angst vor nichts und niemand und sie waren immer zusammen. Auch meine Lehrerin hatte Angst vor ihnen, nicht ohne Grund. Ich gehörte eigentlich zu keiner Gruppe, wohl weil meine frühe Kindheit im Grünen stattgefunden hatte.

Maenner_mit_Rad Wahrscheinlich gehörte ich auch deshalb nicht richtig dazu,weil meine Familie anders war. Unter meinen Groß- und Urgroßvätern gab es Förster, Schlosser, Steiger und es gab eine Werft an der Saar. Akademiker gab es nicht. Ich war und bin bis heute die einzige im saarländischen Familienzweig. Vielleicht gibt es in diesem ganzen Stadtteil ein tief sitzendes Misstrauen gegen all die, die es besser wissen könnten und die es besser haben. Gut geht es den Menschen heute in Burbach nicht. Die alte Industrie ist weg, die neu angesiedelte hat mit den Burbachern wenig zu tun.

 Linkes Bild:
Gesellen in der Schlosserwerkstatt meines Großvaters.

Das war früher anders. Die Burbacher Hütte sicherte den Lebensunterhalt der kleinen Leute und es gab auch Wohlstand – den Wohlstand der Großen. Mir haben immer die mächtigen Grabdenkmäler der alten Hüttendirektoren imponiert. Ich weiß noch wie ich staunte, dass die Namen auf den Grabsteinen genau so hießen, wie die Straßen um das Hüttenkrankenhaus. In der Zeit meiner Kindheit war Burbach und die Hütte eins. Noch heute stehen die Ehrendenkmäler von Rudolf Seebohm, königlicher      Kommerzienrath und Generaldirektor der Burbacher Hütte und Josef Ott an prominenter Stelle auf dem Burbacher Waldfriedhof.

 Der Bergbau war nicht ganz so nah, obwohl auch ein Förderturm der Grube Luisenthal mit seinem Laufrad nur zwei Kilometer weit weg und gut sichtbar war. Vielleicht habe ich ihn nur deshalb distanzierter erlebt, weil mit der Grube so viel Leid verbunden war. Ich spüre heute noch das stumme Entsetzen im Haus, als klar wurde, dass fast 300 Bergleute bei dem schweren Grubenunglück von 1961 ihr Leben verloren hatten, nur ein paar Kilometer entfernt von uns. Ich sehe die Bilder der Särge vor mir, obwohl ich nicht weiß, ob wir damals schon einen Fernseher hatten oder ob ich sie in der Zeitung gesehen hatte oder ob sie in mir entstanden sind durch die Gespräche daheim und überall. Es ist, als läge ein dunkler Schleier über dieser Zeit.

 Die Hütte liegt vier Kilometer nach Südosten, die Grube Luisenthal vier km nach Südwesten und das Eisenbahnausbesserungswerk ein km nach Norden entfernt von meinem Elternhaus. Das alte Heckelgelände, worauf heute ein moderner Industriepark mit einer so bedeutenden Firma wie IDS-Scheer entstanden ist, liegt auch nur zwei km entfernt im Osten. Die Industrie war allgegenwärtig, so dass es mir heute manchmal sonderbar vorkommt, wie sehr ich in dem grünen Zwischenraum meine Heimat in der Natur finden konnte.

Garten Das Gefühl, nicht richtig zu den andern zu gehören, hat sich noch verstärkt, als ich mit elf Jahren auf die Realschule ging. Ich entfernte mich völlig von den Jugendlichen im Burbacher Umfeld. Und spätestens mit meinem Studium ist auch der Abstand zu meiner Familie gewachsen. Es kommt mir vor, als wären es verschiedene Kulturen mit verschiedenen Sprachen und dennoch mit einer Art von Verbundenheit, die nur in dem frühkindlichen Heimatgefühl gründen kann, so als hätte man denselben Stamm

Linkes Bild:
Ein Blick in den Garten meiner Kindheit. Die Baracken für die fremden
Arbeiter standen nur 100 m weit entfernt.

Alle diese Industriestandorte sind mittlerweile geschlossen, größtenteils abgerissen, teilweise neu bebaut. Auf dem alten Hüttengelände stehen jetzt Einkaufszentren. Aus dem alten E-Werk ist eine Eventhalle geworden. Nur ein kleiner Teil des Geländes wird noch industriell genutzt. Auch der Gasweg existiert noch, obwohl es den Gasometer schon lang nicht mehr gibt. Der Gasweg ging direkt am Hüttengelände vorbei, teilweise sogar hindurch. Es roch nach Metall und dunkler schwerer Luft und hier und da sah man Männer mit Helmen in Arbeitskleidern. Man musste durch kleine Drehkreuze über die Gleise gehen. Der Höhepunkt des Weges war das Brückenstück. Auf dünnen Holzplanken konnte man über die Eisenbahnbrücke hoch über der Saar gehen. Solange wir kein Auto hatten, gingen wir den Weg mehrmals im Jahr zur Saarmesse oder zum Deutschmühlenbad auf der anderen Saarseite. Dieser Weg war genussvoll und aufregend. Nicht nur die laute, große lodernde Hüttenwelt mit ihren feuerspeienden Türmen faszinierte mich, ich liebte auch das Kribbeln im Bauch beim Überqueren der schmalen „luftigen“ Brücke. Auch die vollen Messehallen waren ganz anders als unsre grüne Welt.

Maenner_Motorrad Als die meisten Gebäude der Hütte dann leer standen, noch niemand wusste, was mit der Industriebrache geschehen sollte, bin ich den Gasweg als erwachsene Frau noch einmal gegangen. Ich habe das Kribbeln wieder gefühlt und auch der Geruch lag noch in der Luft. Ob er wirklich noch da, oder ob er nur eine Erinnerung war, vermag ich nicht zu sagen. Die Natur konnte sich das Gelände für eine kurze Zeitspanne zurückerobern. Löwenzahn sprengte Asphalt, Pappeln wuchsen aus Mauerritzen hervor und viele wild blühende Pflanzen verzauberten die Melancholie des Ortes. Das liegt nun auch schon fast 20 Jahre zurück.

Mein Vater, stolz auf seinem Motorrad mit den Männern aus Burbach.

 Die Menschen, die heute im Stadtteil leben, haben wenig mit den entstandenen Firmen in den neuen alten Industriegebieten zu tun. Wer dort arbeitet, kommt in der Regel morgens und fährt abends wieder. Neben den alteingesessenen Burbachern gibt es soziale Brennpunkte und eine große Zahl von Ausländern, die nicht zu den Gewinnern dieser Gesellschaft gehören. Eine alte Frau aus der Fennerstraße klagt, dass sie niemanden mehr in ihrem Mehrfamiliensiedlungshaus persönlich kenne, und dass alle eine andere Sprache sprächen, und diese könne sie nicht verstehen.

 Mir ist der Stadtteil meiner Kindheit fremd geworden, obwohl meine betagte Mutter noch in unserem alten Haus lebt. Wenn ich durch die Straßen zu ihr fahre, sehe ich keine vertrauen Gesichter mehr. Um mein Elternhaus gibt es immer noch verhältnismäßig viel Grün, wenn auch neue Straßen mit neuen Firmen sich breit machen und mein grünes Refugium immer mehr „auffressen“.

Trotz aller Fremdheit, die ich im Grunde schon immer hatte, bin und bleibe ich ein Kind aus Burbach. Ich merke es daran, dass ich mit allen umgehen kann; den Leuten aus sozialen Brennpunkten genauso wie mit den Industriearbeitern und den „Studierten“. Meine Kindheit in Burbach hat mich fit gemacht für’s Leben.


Das Copyright aller Bilder dieses Beitrages liegt bei der Autorin Karin Grüneich © 2009
Titelgrafik und Elektronische Bildbearbeitung Christoph M Frisch © 2009

Alle in diesem Galerie-Modul befindlichen Bilder wurden uns von der Landesbildstelle
des Saarlandes im Landesinstitut für Pädagogik und Medien zur Verfügung gestellt. 
© Landesbildstelle des Saarlandes im LPM


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