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Seite 1 von 2 Ginster am Großen Horst
von Armin Schmitt
![]() Vogelgesang. Drüben sind Dörfer in die noch trübe Hügellandschaft geworfen. Das Grün der Wälder und Wiesen. Dazwischen die gelben Teppiche der Rapsfelder. Vor uns klafft der Steinbruch. Fällt in gewundenen Kaskaden über viele Etagen hinab ins Tal, heute Morgen weniger eine offene Wunde in der Landschaft als in dunkleren Jahreszeiten. Fast friedlich liegt er vor uns. Kein Lärm, keine Bohrungen für Sprengungen, kein Sirenensignal vor der Explosion, keine Staubwolken. Still ruhen die Mahlwerke der Brechanlagen, die Transportbänder schweigen. Die schweren gelben Transporter sind aufgereiht, kein dumpfes Motorengeheul dringt herauf, keine Menschenseele zeigt sich. Ein gelber Raupenbagger steht unten auf einer der Etagen - aus der Ferne zum Spielen klein. Ein vergessenes rotes Ölfass. Irgendwo ein baggerähnliches Fahrzeug mit langem Schwenkarm zum Bohren der Sprenglöcher, verrostete Schutz- kabinen aus dickwandigem Eisen für die Arbeiter, die im Bruch sind während der Sprengung. Rötlich liegt das zu Tage tretende Gestein vor uns: ein Melaphyrbruch, ein „Aufschluss im Andesit“, wie die Fachleute sagen, von beträchtlichen Ausmaßen. Nur manchmal zeigt sich eine Pflanze, blüht ein Ginster, weithin sichtbar, über dem Abgrund. Aber dann doch Spuren von Rehen im Lehm auf dem steilen Fahrweg, der die verschiedenen Ebenen erschließt. Ein Hase flüchtet aufgeschreckt. Auf einem frisch aufgeworfenen Kieshaufen die Spuren von Wild. Wildwechsel? Erkundungen an stillen Tagen? Jetzt ruft über dem Bruch ein Bussard…
Auch wir sind auf Erkundung. Nach einem beiläufigen Besuch im Herbst nun an einem Frühlingsmorgen: Eindrücke sammeln, Bilder einfangen von den bizarren Gesteinsformationen, den farblichen Nuancen des Gesteins, wenn auch die mineralogische Glanzzeit der Quarz- und Calcitdrusenfunde längst vorbei ist. Einen Ort der Erinnerungen aufsuchen, Erinnerungen an die Erzählungen des Vaters, der als Jugendlicher oben auf dem Horst stand. Er erzählte davon, als wäre seine Wanderung zum Steinbruch ein Gang in ein anderes Land gewesen. Für mich blieb er deshalb lange ein ferner Ort, ein Ort voller Gefahren, wo man in die Tiefe stürzen konnte, auch wenn er von weitem ziemlich harmlos aussah, wenn ich oberhalb des Dorfes unter den Lerchen über die Wiesen und Äcker lief oder wenn wir auf der alten Straße nach Trier an ihm vorbeifuhren. Wie eine klaffende Wunde lag er dann in der Landschaft… Noch mehr verdüsterte sich der Bruch an jenem Sonntag, als ich vom Tod eines Onkels meiner Mutter erfuhr, der sich mit Dynamit in die Luft gesprengt hatte. Er war Arbeiter im Steinbruch. Es fiel nicht auf, wenn er etwas zur Seite schaffte. Er galt als das schwarze Schaf der Familie. Wilde Ehe, uneheliche Kinder, Alkohol hörte ich hinter vorgehaltener Hand. Sein Name fiel erstmals an diesem Sonntag. Während des Hochamts riss es ihn auseinander, da konnte niemand stören. Der Bruch verfinsterte sich und fraß sich über die Jahre immer tiefer in die Seele und in den Berg, wurde zu einem Un-Ort, einem Labyrinth aus Unwegsamkeiten, lauernden Gefahren, versperrten und verschütteten Wegen, ein Ort, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Der Steinbruch – ein Labyrinth. Tatsächlich bezeichnete das griechische Wort “labyrinthos“ ursprünglich auch den Steinbruch. Und tatsächlich gab es für viele daraus kein Entkommen. Nicht für die ägyptischen Sklaven auf dem Mons Claudianus und dem Mons Pophyrites im alten Ägypten, nicht für die Sklaven in den antiken Steinbrüchen des alten Griechenlands auf der Insel Paros. Sie gingen in ihnen zugrunde, unbehaust, Steine brechend für die Paläste der Reichen und die öffentlichen Bauten in den Städten. Kein Entkommen gab es für die Gefangenen der Nazis, die in den Steinbrüchen zu Tode gequält wurden. Kein.. (Forts.nächste Seite) ![]() Foto: © Christoph M Frisch 2009 |



