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Die letzte Schicht des Bergmanns Alfons H.von Rüdiger Janson, 2005
Langsam, schweren Schrittes, schreitet der Bergmann Alfons aus dem Werktor des stillgelegten Bergwerks. Er gehörte zu einer kleinen Abteilung Bergleute, die auf dem Gelände Restarbeiten verrichten. Heute war seine letzte Schicht. Nachdenklich, mit gesenktem Kopf, verlässt er das Werksgelände. Wie schön waren die Abschiede seiner alten Kumpel früher gewesen. Heute ist alles anders. Alles ist so leer und still geworden. Keine Kantine, keine Bergleute, die auf Arbeiterbusse warten. Niemand ist da. Alfons ist allein. Langsam dreht er sich um und schaut noch einmal über die Anlage. Das Seil liegt schon lange nicht mehr über den Schachttürmen. Die Schächte sind mit Betonstopfen verfüllt. Außer dem Bergmannslied, das er leise vor sich her summt, ist kaum etwas zu hören. Wenn früher die Kohleaufbereitung lief, vibrierte der ganze Bau. Die Anlage lebte. Es qualmte und schepperte überall. Heute ist das anders. Kein Qualm, keine laufenden Maschinen und kein Lärm. Es ist fast so, wie in einer Geisterstadt. Es ist gar nicht lange her, da demonstrierten hunderte Bergleute vor dem Werktor für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Heute beleben nur noch die Geister der Vergangenheit und Löwenzahn, der überall aus den Ritzen sprießt, die Anlage. Als er noch ein kleiner Junge war, arbeiteten viele tausend Bergleute auf der Grube. Es gab damals auch noch Eisenhütten und Kokereien die vielen fleißigen Arbeitern Beschäftigung boten. Seine Großväter und sein Vater arbeiteten schon auf der Kokerei und in der Grube. Alfons wohnte als Kind in einer Bergbausiedlung. Er ist mit Kokereiarbeitern und Bergleuten in der Nachbarschaft aufgewachsen. Damals nannte man die Kohle noch „schwarzes Gold“. Als auch er auf der Grube anfing, profitierte er noch von der Geborgenheit des Unternehmens. Doch damals waren die Weichen schon auf Untergang gestellt. Trotzdem fühlte man sich sicher. Arbeitslosigkeit war undenkbar. Dafür war die Arbeit unter Tage auch sehr schwer. Jeden Tag brauchte er einen neuen Schweißkitte!, wie es in der Bergmannssprache heißt. Der Schweißkittel war nach der Schicht total verdreckt und klatschnass vor Schweiß. Die Arbeit war schwer, doch er konnte sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu arbeiten. Er und seine Kumpels waren Bergleute mit Leib und Seele. Da änderte auch nicht die Gewissheit etwas daran, dass man mit einer ständigen Angst vor Unfällen oder gar Schlagwetterexplosion lebte. Hannes wohnt selbst in einem solch betroffenen Gebiet. Hannes spürt dort die ganze harte Abneigung, mit der er und seine Familie, ja sogar seine Kinder, inzwischen behandelt werden. Seine Frau kauft schon in einem anderen Ort ein und seine Kinder lernen ebenfalls in weiter entfernten Schulen für eine bessere Zukunft. Hannes’s Stammkneipe musste er ebenfalls aufgeben. Es kam in letzter Zeit immer zu heftigen Diskussionen wenn er oder andere Bergarbeiter dort auftauchten. Langsam dreht sich Alfons wieder um und geht zu seinem Auto. Dort angekommen schaut er noch einmal über die stillgelegte Anlage. Sein Blick schweift über die Bergehalde. Er mag gar nicht daran denken was die Zukunft seinen jüngeren Kollegen noch bringt, wenn das letzte Bergwerk an der Saar seine Tore für immer schließt. Immer und immer wieder durchlebt er, mit einem schwermütigen Lächeln auf den Lippen, die Vergangenheit, als noch viele Bergleute in den Bergwerken und Kokereien arbeiteten. Dann denkt er an das Ende des Bergmannes, das jetzt so viele kluge Leute lautstark herausschreien. Verständnis für ihn und seine Kumpel scheinen die wenigsten zu haben. Der Bergmann stirbt ehrlos auf dem Schlachtfeld einer veränderten Zeit. Nein, dieses Ende hat der Bergmann nicht verdient. Dieses Ende hat KEIN Arbeiter verdient. ___________________________________________________________________________________________ Rüdiger Jansons Website |


