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Familienleben und Industrialisierung Dieser Vortrag ist im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit entstanden, die ich am Institut für Regionalgeschichte an der Universität des Saarlandes geschrieben habe. Die Familie Prinz, Landsweiler-Reden Diese Zahlen – die regelmäßige Geburtenfolge im Abstand von etwa zwei Jahren, bis die Fruchtbarkeit der Frau ihrem Ende zugeht und die hohe Kindersterblichkeit – sind charakteristisch für die vormodernen Verhältnisse. Da von den sechs Söhnen der Eheleute Prinz nur zwei überlebten, konnte Jakob, der Ältere, die Landwirtschaft des Vaters übernehmen, wogegen Wilhelm, der Jüngere, Bergmann wurde. Eine Teilung des Hofes unter den zwei Söhnen hätte für keinen zum Überleben gereicht, zumal ja im Realerbteilungssystem auch die Töchter zumindest finanziell, meist aber auch durch Ackerland, abgefunden werden mussten. Die Töchter von Peter und Barbara Prinz heirateten überwiegend Handwerker. Nur Maria schloss mit einem Lehrer, dem Sohn eines Papierfabrikanten, die Ehe. Recht typisch ist, dass Helene Prinz schon acht Monate nach dem Tod ihrer Schwester deren Witwer heiratete.
Bei den Eheleuten Jakob und Katharina Prinz zeigt sich nun, welchen Vorteil die ortsansässigen Familien mit agrarischer Tradition gegenüber den neueingewanderten Familien ohne Landbesitz hatten, wenn sich der verbliebene Grundbesitz mit dem Willen zum Aufstieg und ungeheuerem Fleiß verband. Jakob Prinz war ein vielseitig interessierter, aufgeschlossener Mann. Er beschäftigte sich, obwohl er keine höhere Schulausbildung hatte, gerne mit Mathematik und Astronomie und war als Mitglied der katholischen Zentrumspartei 1907-1922 Ortsvorsteher von Landsweiler-Reden. Ihm gelang der berufliche Aufstieg vom Hauer zum Maschinenwärter, und zusammen mit seiner Frau wollte er seinen Kindern einen weiteren Aufstieg ermöglichen, da diese es einmal noch besser haben sollten. Ein Haus besaß die Familie Prinz schon. Wilhelm Prinz, der Vater, hatte es in den 60er Jahren gebaut, sein ältester Sohn Jakob hatte es übernommen. Außerdem besaß die Familie noch einige ererbte Äcker, deren Bestellung neben etwas Kleinviehhaltung ausreichte, um den täglichen Lebensbedarf der Familie zu decken. Dies ist ein Zeugnis dafür, dass selbst im engeren Industrierevier wie Landsweiler-Reden die Bevölkerung, wenn sie die Möglichkeit dazu hatte, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nebenerwerbliche Landwirtschaft betrieb, um eine reine Lohnabhängigkeit zu vermeiden. Der Lohn von Jakob Prinz wurde gespart und für die Ausbildung der Kinder verwendet. Ein Sohn und eine Tochter erhielten eine Lehrerausbildung – eine für dieses soziale Umfeld typische Berufswahl -, der jüngste Sohn schlug die Beamtenlaufbahn bei der Eisenbahn ein. Wilhelm Georg, der kein Interesse an weiterer schulischer Ausbildung zeigte, erlernte den Beruf des Grubenschlossers und setzte damit die Berufstradition der Familie fort. Die älteste, unverheiratet gebliebene Tochter führte den elterlichen Haushalt und unterstützte den Vater bei seinen Verwaltungsaufgaben als Ortsvorsteher. Einen wesentlichen Beitrag zum bescheidenen Wohlstand lieferte der starke familiäre Zusammenhalt, von dem die letzten Nachkommen der Familie in Landsweiler-Reden noch heute voll Anerkennung und auch etwas Wehmut sprechen.
Jakob und Katharina Prinz, mit ihren Kindern Franz, Maria, August, Katharina und Wilhelm Georg (v.l.n.r.) Am Beispiel der Familie Prinz lässt sich exemplarisch der in der Regel über drei oder vier Generationen verlaufende Wandlungsprozess der Familie aufzeigen. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung der Saarregion noch in agrarisch geprägten Verhältnissen lebt, zwingt bis zur Mitte des Jahrhunderts die zunehmende Pauperisierung (Verarmung) der Landbevölkerung immer mehr Menschen dazu, sich ihre Existenz durch Industriearbeit zu sichern. Die Ausweitung der außerhäuslichen Lohnarbeit auf immer größere Teile der Bevölkerung ist eine der wesentlichen Ursachen für den tiefgreifenden Wandel im familiären Zusammenleben, dessen bisheriges Endprodukt in der modernen Familie des Industriezeitalters zu sehen ist und auf deren Entwicklung im folgenden näher eingegangen werden soll. Das Zusammenleben im Hause des Ortsvorstehers Prinz weist schon um die Jahrhundertwende wesentliche Kennzeichen einer bürgerlichen Familie auf. Frau und Kinder tragen zwar durch die Nebenerwerbslandwirtschaft noch wesentlich zum Familieneinkommen bei, das Zusammenleben wird jedoch nicht mehr alleine wie in den vormodernen Haushaltsgemeinschaften durch die Sachzwänge des Existenzkampfes bestimmt. Die Erziehung der Kinder, der Wunsch, ihnen einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen, steht für die Eltern im Mittelpunkt ihres Lebens. Für dieses Ziel werden zusätzliche Arbeitsbelastungen in Kauf genommen. Das Zusammenleben der Familienmitglieder vollzieht sich in einer von Emotionalität und Intimität geprägten Atmosphäre. Zur Öffentlichkeit des Dorfes hin besteht eine abgegrenzte Privatsphäre. Nur wenig fehlt noch, um das Bild einer modernen Familie des 20. Jahrhunderts zu vervollständigen. Schon bei der nächsten Generation wird die Lebenshaltung der Familie ganz durch die außerhäusliche Arbeit des Mannes bestritten werden. Die Familie wird damit zur reinen Konsum- und Freizeitgemeinschaft. Die bewusst durchgeführte Familienplanung, die Beschränkung auf wenige Kinder zugunsten eines höheren Lebensstandards, die im Laufe des 20. Jahrhunderts in immer mehr Familien registriert werden kann, bildet dann das letzte noch fehlende Kennzeichen der modernen Familie. Die moderne Familie als Ort der Reproduktion, als Lebensgemeinschaft, deren gesamtes Wertesystem, nämlich Liebe und Solidarität, dem der kapitalistischen Gesellschaft, die ja bekanntlich auf Konkurrenz aufbaut, schroff gegenübersteht, ist keine anthropologische Konstante, sondern entspricht in ihrer Struktur, ihrem sehr einheitlichen Erscheinungsbild, in Funktion und Ideologie den gleichartigen Lebensrhythmen, Bedürfnissen und Erfordernissen der modernen Industriegesellschaft. Möglich wurde die moderne Familie wie wir sie kennen erst durch die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Neben der Industrialisierung waren es vor allem Entwicklungen wie die Agrarrevolution, die Auflösung der Ständegesellschaft, die Bürokratisierung und Urbanisierung, die Säkularisierung, die Aufklärung und der medizinische Fortschritt, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung so tiefgreifend veränderten, dass auch die Familie als primäre Form des menschlichen Zusammenlebens einem grundlegenden Wandel unterlag. Wie sah eigentlich die Familie aus, bevor sie durch die Industrialisierung grundlegend verändert wurde. Hier haben wir oft ein völlig falsches Bild.
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des Klinkenmüllers. Die Klinkenmühle – zwischen Landsweiler und Schiffweiler gelegen – war mindestens seit 1705 bis zu ihrem Verkauf an die Grube Reden 1912 im Strauß´schen Familienbesitz. Die Brautleute waren mit 22 bzw. 15 Jahren für die damalige Zeit ungewöhnlich jung, wodurch leicht Spekulationen über eine Liebesgeschichte zwischen den beiden angestellt werden können. Leider lassen sich aber die Beweggründe für diese frühe Heirat nicht mehr rekonstruieren. Das Paar, zumindest einer von beiden, muss jedoch von zu Hause etwas Startkapital bekommen haben, da ansonsten für sie eine Haushalts- und Familiengründung nicht möglich gewesen wäre. Das Ehepaar ließ sich in Schiffweiler nieder und bekam in 25 Jahren 13 Kinder, von denen jedoch nur sieben das heiratsfähige Alter erreichten.
Von allen Kindern der Eheleute Prinz soll uns im Weiteren nur der Sohn Wilhelm interessieren. Er musste das agrarische Herkunftsmilieu wie viele andere junge Menschen seiner Generation verlassen und sich als Bergmann eine Existenz aufbauen. Eine recht beachtliche Bergmannstradition brachte seine Frau Katharina Zimmer mit in die Familie. Schon deren Vater und beide Großväter werden als Bergleute aufgeführt. Eine so weit zurückliegende enge Verbindung mit dem Bergbau können selbst in der Saarregion nur wenige Familien aufweisen. Diese Berufskontinuität wird dann von allen sechs überlebenden Söhnen des Wilhelm und der Katharina Prinz fortgesetzt. Die einzige Tochter dagegen heiratete einen Metzger und kam dadurch in kleinbürgerliche Verhältnisse.